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Vor-Corona: Hundelose Such-Zeit

September – Dezember 2019

16. September 2019
Ein furchtbarer Tag. Wir müssen uns endgültig von unserem lieben Yirol verabschieden, der uns fast 12 Jahre lang überall hin begleitet hat. Natürlich weiß man, dass auch Hunde sterben, und viel jünger als Menschen. Er war alt und sehr krank, es war das beste so für ihn. Es war ja auch nicht das erste Mal, dass wir uns von einem treuen Begleiter für immer trennen mussten – und doch…
Wie soll ich jetzt die Trauer verarbeiten, wo ich doch bei dem Tod von Mutter, Schwester und engen Freund*innen stundenlang mit Hund durch die Wälder gelaufen bin, bis es irgendwann besser wurde…

Schleswig 2017
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18. September 2019

Ich bin zurück in Berlin, die Arbeit lenkt ab. Am liebsten will ich auch nicht wie üblich am Wochenende nach Hause fahren, ich kann das leere Haus , den Garten, die Wiesen und Wälder noch nicht ertragen. Spazierengehen ohne Yirol? Undenkbar…

Berlin, Julie Wolfthorn/Ecke Caroline Michaelisstraße
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20.September

 „Man kann ohne Hund leben, aber es macht einfach keinen Spaß“, wie wahr. Wir waren uns immer einig, ja, wir wollen noch einmal einen Hund. Aber einen kleineren nach all den großen. „Heben Sie mal Ihren Hund hoch“ auf den Untersuchungstisch beim Tierarzt z.B. wird bei rund 35kg nicht einfacher mit den Jahren.

Ich fange schon einmal an zu suchen, was in Frage käme, das lenkt mich ab- oder ist das Verrat an Yirol? So früh nach „Ersatz“ zu schauen? Den wird es eh nie geben…

Auf jeden Fall muss er familientauglich sein, apportier-und wasserfreudig, nicht zu überzüchtet und damit krankheitsanfällig. Alles also,  was wir an unseren Retrievern so geschätzt haben. Internet ist ja für alles gut, also suche ich mal.

Ein Cocker Spaniel vielleicht ? Oder ein Pudel – eine der am meisten unterschätzten Hunderassen sind sie, diese mutigen, klugen Hunde. Der erste, mit dem ich im Alter von 12 Jahren regelmäßig spazieren gegangen bin, war ein Pudel, Bine…Oder vielleicht doch lieber ein Tolling, der kleinste Retriever?

Ich stoße auf zwei Rassen, von denen ich noch nie gehört habe, die aber wohl die gewünschten Eigenschaften aufweisen sollen: den großen, leichtgewichtigen Barbet, einen französischer Wasserhund, und den wesentlich kleineren Lagotto Ramagnolo, einen italienischen. Beide hätte ich wahrscheinlich für „irgendwas mit Pudel“ gehalten, wären sie an mir vorbei gelaufen. Ich schicke meinem Mann die links-ihm ist alles recht: „Mach du mal, ich mach dann mit.“

Barbet
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20.-22. September

Wenn spazieren gehen emotional nicht geht, dann eben viele, viele Kilometer mit dem Rad unterwegs sein-das hilft auch

Ich finde Zücher*Innen der Barbets und der Lagottos, die nicht allzu weit entfernt Würfe fürs Frühjahr planen, und nehme Kontakt auf. Einen können wir schon am kommenden Wochenende besuchen, wir sind gespannt, wie sie so „life“ sind, die Lagottos, und froh, etwas vorzuhaben, das ablenkt.

23. September

Ich habe ich meinen ersten Einsatz als Komparsin „Nachbarin am Fenster“, im neuen Spielfilm von Leander Hausmann, ein Nachtdreh, nur zwei Strassen von meiner Berliner Wohnung entfernt. Auch diese so völlig andere Welt  des Filmsets wollte ich endlich einmal kennenlernen,und weiß schon, dabei will ich bleiben. Was für interessante Leute frau kennenlernt! Wir Komparsen sind natürlich Beiwerk, und ganz ganz weit unter den Schauspieler*innen in der Hierarchie. Die meiste Zeit verbringen wir mit Warten, stundenlang. Die Gespräche in den langen Pausen mit Menschen aus allen möglichen anderen Berufen und jeden Alters – unbezahlbar! Und nachher kann man dann z.B. völlig cool sagen: „Ach, Henry Hübchen? Mit dem hab ich auch schon gedreht!“ und es ist noch nicht einmal gelogen!
Die Anfrage zur zweiten Staffel „Babylon Berlin -Dame im Cafe“ musste ich leider absagen, wegen einer meiner zahlreichen Dienstreisen

Nächtliches Warten der Komparsen, Berlin 2018
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28. September

Bei den Freudentalers im Hessischen, um ihre Lagottos  zu sehen. Auf dem Hinweg machen wir in Friedland halt. So lange schon wollten wir die Gedächtnisstätte für Heimkehrer und Flüchtlinge auf dem Hagenberg besichtigen. Wie aktuell die mahnenden Worte von 1967 grade auch heute wieder sind:

DANKZEICHEN FÜR DIE ERRETTUNG –

MAHNUNG AN DIE NACHWELT, FREIHEIT UND MENSCHENWÜRDE
NIEMALS AUFZUGEBEN.

WIR KAMEN AUF DEN STRASSEN DES KRIEGES, DER GEFANGENSCHAFT,
FLUCHT UND VERFOLGUNG – AUS DER HEIMAT VERTRIEBEN.
50 MILLIONEN MENSCHEN LIESSEN
AUF ALLEN KONTINENTEN UND MEEREN IHR LEBEN

GEFALLEN, GETÖTET, UMGEKOMMEN.

VÖLKER ENTSAGET DEM HASS – VERSÖHNT EUCH, DIENET DEM FRIEDEN –
BAUT BRÜCKEN ZUEINANDER!

Das unsichtbare Denkmal, 50 Jahre Heimkehrer-Mahnmal

29.September

War nett mit den Freudentalers und ihren Lagottos. Züchter*innen sind schon so ein Volk für sich, geprägt durch das Zusammenleben mit ihren oft sehr vielen Hunden. Ein mail an sie, ein Anruf, ein Besuch gar ist immer auch eine Bewerbung – erfüllen wir die Voraussetzungen, damit sie uns einen ihrer Welpen anvertrauen werden? Wir halten seit mehr 40 Jahren selbst Hunde, und müssen uns doch immer wieder Fragen stellen lassen,  Erklärungen anhören, als wüssten wir mal grade so eben, wie man Hund buchstabiert. Das nervt ein bisschen, ist aber ok. Wir selbst würden auch keinen Welpen von jedem nehmen…

Aber so richtig vorstellen können wir es uns noch nicht, einmal mit so einem kleinen Kerl zusammen zu leben.

Mit der Barbet Züchterin halte ich über whats app Kontakt, sie schickt mir viele Fotos. Irgendwie finden wir keinen Termin zum Besuch.

Logottos wollen endlich raus!
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Oktober 

Wir nutzen die hundelose Zeit für weite Radtouren  in der Alfelder Heimat und ausgedehnte Museumsbesuche in der Hauptstadt. Ich bereite mich auf die nächste Dienstreise vor, nach Uganda, eine Woche Training mit Partnern aus Uganda, Kenia, Tansania, dem Südsudan und Sudan, die seit Jahren in ihren Ländern unter immens schwierigen Bedingungen für eine Verbesserung der Lebensbedingungen arbeiten.

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Bode-Museum, Berlin
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1.-7. November, Uganda

Zusammen mit einer mittlerweile sehr liebgewonnenen Trainerin in „Civil Action and Transformation (CAT)“ leite ich diese dritte Woche der Fortbildung in diesem Jahr zur Stärkung der Partner*innen in schwierigen Situationen.  Auch wir beide lernen wieder ganz viel, erhalten Kraft durch die Beispiele, wie unter schwierigsten Bedingungen gearbeitet werden kann, lachen zusammen und hören Geschichten, die uns Tränen in die Augen treiben. Wir fühlen uns wieder einmal privilegiert, mit solch wunderbaren Menschen aus so unterschiedlichen Ländern zusammen zu sein. Und ja – natürlich ist es nicht zu verachten, dem trüben Novemberwetter  zu Hause zu entfliehen.

Mein Mann sagt mir am Telefon: „Oder vielleicht doch wieder ein Golden Retriever?“  Ja, ja, bitte, denke ich. „Wenn du meinst, dass wir das hinbekommen mit dem Gewicht“, vorsichtig ich. „Klar“, überzeugend er.

Kursteilnehmer*innen am Lake Victoria, Entebbe 2019
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10.November

Nach einiger Recherche finde ich heraus, dass meine „alte“ Züchterin einen Wurf für Ende Januar plant, unser Yirol dann praktisch der Großonkel des „Neuen“ sein wird. Ja, das wollen wir! Ich nehme sofort Kontakt auf und bin ganz froh.

19. November

Sie fährt nach Holland zum Decken ihrer Hündin Nele.  Hoffentlich klappt es! Es wird vier Wochen dauern, bis man auf einem Ultraschallbild etwas erkennen kann, lerne ich.

Für uns ist es das erste Mal, dass wir alles miterleben- von der Planung eines Wurfes bis zur Abgabe. Immer gut, wieder etwas zu entdecken.

3. Dezember

Anfrage zum Dreh für die neue Serie „Hausen“, kurz vor Weihnachten, das sollte terminlich klappen. Charly Hübner spielt eine der Hauptrollen, und ich werde dann tatsächlich bei dem stundenlangen Dreh der Schlussszene in eisiger Kälte mit vielen anderen Komparsen zwar, aber doch immerhin in seiner unmittelbaren Nähe stehen. Im fertigen Film zu sehen sein wird wahrscheinlich von mir: nichts. Im Nachhinein betrachtet: wer weiss, wann die Serie überhaupt fertig sein fertig-auch die Film-und Theaterbranche wird die Corona Pandemie hart treffen.

5. Dezember

Ich bin auf Dienstreise im Sudan, in der Hauptstadt Khartoum, meiner ersten hierher nach der Revolution in diesem Jahr. Wie aufregend, wie wunderbar! Wie lange haben wir mit so vielen  darauf hingearbeitet, dass die Zeit der Diktatur zu Ende geht. Täglich waren wir in Kontakt,  seit Beginn der Revolution im Dezember 2018. Ich habe teilweise über Telefon die Schüsse auf die Demonstrierenden gehört, schwer, weit weg zu sein. 

Es wird noch lange dauern, bis wirklich Gerechtigkeit und Frieden in diesem auch ökonomisch so angeschlagenem Land herrscht, aber die Sudanes*innen haben der ganzen Welt gezeigt, dass es mit Mut, Ausdauer, Zusammenhalt über alle Schichten und Generationen und durchgehend friedlichen Mitteln möglich ist, Verhältnisse grundlegend zu ändern.

Ich entscheide, so schnell wie möglich wieder zu kommen und mir die Lage in den verschiedenen Landesteilen genauer anzuschauen, um besser zu verstehen , was die Menschen denken und an Unterstützung brauchen.

St Mathew, Khartum, Sudan 2019
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19.Dezember

Die Züchterin schickt eine whats app: Nele ist tragend und bekommt Ende Januar Welpen, Abgabe dann Ende März. Super!!!! Ich werde natürlich wie auch bei den früheren Welpen vier Wochen Urlaub/Überstundenabbau nehmen, wenn wir ihn abholen können.

22. Dezember

Uns graut vor dem ersten tierlosen Weihnachten. Da gibt es ein „Weihnachtswunder“: uns läuft ein kleiner wunderbarer Kater zu, der sich sofort benimmt, als habe er nie irgendwo anders gelebt als bei uns. Er ist so zutraulich und verspielt, wir holen alles hervor, was wir noch von unserer vor einem Jahr verstorbenen Katze haben, leihen uns etwas Futter vom Nachbarn, würden den kleinen Kerl sofort behalten, obwohl wir ja eigentlich erst wieder eine Katze haben wollten, wenn ich im Ruhestand bin…aber natürlich fragen wir in unserer Nachbarschafts – Whatsappgruppe, ob jemand ihn kennt, und fragen dann auch bei der Polizei nach, ob sich dort jemand gemeldet hat, die ihn vermisst. Es ist kühl im Dezember, der Kater ist klein. Also bleibt er über Nacht bei uns, legt sich sofort mit in unser Bett-und wir sind ziemlich glücklich.

Tommy fühlt sich auch beim zweiten Besuch ganz zu Hause
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23. Dezember

Ich frage beim Tierschutzverein nach, ob sie vielleicht etwas wissen. Halb und halb hoffe ich, dass nicht, aber natürlich weiß ich, dass irgendwo jemand den Kleinen furchtbar vermissen wird.  Tatsächlich, er ist bekannt, ich setze mich mit der Besitzerin in Verbindung, die ihn abends abholen wird. Unsere Nachbarskinder besuchen ihn, und wollen uns überreden, ihn nicht wieder her zu geben, er sei ja so süüüüß. Tja, so ein paar Minuten lang waren wir doch tatsächlich in Versuchung. Aber als wir abends die glücklichen Gesichter der Besitzerin und ihres kleinen Sohnes sehen, sind doch auch wir sehr froh über die geglückte Wiedervereinigung zum Weihnachtsfest!


Vor-Corona:  Hundelose Such-Zeit
September – Dezember 2019
Corona und Welpe im „Anmarsch“
Weihnachten 2019 – 20.März 2020
Coronatage mit Kuyo
21. März bis 26. April
Coronatage mit Kuyo im Mai
28. April bis 24. Mai

Coronatage mit Kuyo im Juni
8.Juni bis … solange es eben währt





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