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Coronatage mit Kuyo

21. März bis …solange es eben währt

21. März: Privilegierte auf Trab

2. April: Saison untypisch

4. April: Zwangsweise entschleunigt

6. April Bettvorleger

8. April: Befreiendes

14. April: Cousin Kalle

15. April: Nicht müde werden

20. April: Kurz vor Schluss

22. April: Von Tieren und Menschen

25. April: Das Phantom der Oper
26. April: Ich bin ein Elefant, Madame

Und hier gehts weiter ….

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Privilegierte auf Trab

21. März

11.00 h, wir können Kuyo endlich abholen. Wir sind glücklich, können die Realität außerhalb unseres Gartens erst einmal bis zu den abendlichen Nachrichten ausblenden und uns voll auf die neue Aufgabe konzentrieren.

22. März

Die Regierungschef der Länder und die Berliner Regierung einigen sich auf weitgehende Kontakteinschränkungen, die Kanzlerin ist in Quarantäne, Restaurants und Cafes sind geschlossen, VW produziert nicht, Veranstaltungen finden nicht statt, Schulen und Kindergärten sind ohnehin geschlossen, meine Freundin weint am Telefon, weil sie ihre Mutter nicht mehr im Altenheim besuchen kann…

23. – 29. März

Mir wird wieder einmal bewusst, wie privilegiert wir sind. Wir haben ein Haus, mit großem Garten, dicht am Wald und müssen die Zeit der Kontaktverbote nicht auf engem Raum mit Vielen verbringen- oder ganz allein. Wir haben Nachbarn und Freunde, auf die wir uns verlassen können, die jünger sind und die für uns einkaufen. Wir haben einen ganz wunderbaren Welpen, der uns in dieser düsteren Zeit so viel Freude und Struktur und auch Hoffnung bringt.

Nicht so leicht …Foto: SIEBEN: regional

Wir leben in einem Land, in dem der Staat, die Landesregierungen und die Kommunen für alle Bürger*innen zu sorgen versuchen, mit einem Gesundheitssystem, das einigermaßen funktioniert, und in dem hoffentlich jetzt allen endgültig klar wird, dass nicht an den falschen Stellen gespart werden darf. Wir müssen keine Angst haben, aus Mangel an Nahrung zu sterben, bei uns gibt es so viele, die sich um andere und für andere sorgen.

Innerlich danke ich allen, die Abstand halten, die solidarisch sind, die so viel tun, damit wir alle möglichst gut durch diese Zeit kommen.


30. März

Unsere Normalität wird eine andere sein, danach. Es wird nicht leicht, und ich weiß, für viele wird es wahrscheinlich wirtschaftlich viel schwerer als für uns. Es wird erst noch schlimmer werden-aber dann auch ganz sicher  wieder besser! Diese Gewissheit zumindest gibt mir meine jahrelange Erfahrung in den Ländern, wo die Menschen trotz allerRückschläge immer wieder von vorn anfangen, weitermachen, an einer besseren Zukunft bauen. Darauf muss ich mich in den dunklen Nachtstunden besinnen, wo auch mich die Angst vor einem Erstickungstod kurzfristig ganz fest umklammert.

Und dann bewegt sich Kuyo auch schon neben mir. So jung wie er ist, spürt er wie alle Hunde doch auch schon ganz genau Stimmungen. Da nehme ich es doch fast schon gern in Kauf, dass ich ihn wieder einmal die vielen Stufen hinunter ins nächtliche eisige Dunkel tragen darf, damit er möglichst schnell stubenrein wird. Bei seinem kurzen Sprung in den momentan leeren Blumenkübel oder beim blitzschnellen Hineinbeißen in die ersten Kirschknospen im Vorbeitragen muss ich zwar so tun, als ärgere mich das immens, aber ich muss mir das Lachen verbeißen – und meine momentan so kleine Welt ist erstmal wieder in Ordnung.

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31.März

Kuyos Bewegungsradius erweitert sich ständig, den Garten betrachtet er selbstverständlich schon als den seien. Mittlerweile muss er wohl auch von allem probiert haben, was da jetzt im Frühling heraus sprießt oder vom Winter übrig geblieben ist. “Nein, aus, pfui” scheint mein derzeit wichtigstes Vokabular zu sein. Die steten Sprünge meinerseits , um ihm in schneller Abfolge etwas aus der Schnauze zu nehmen, toppen die besten Gymnastikübungen! Natürlich ist er auch der klügste kleine Hund ever, das ist ja klar! Was er alles schon gelernt hat…

Ich brauche ein paar Bio-Lebensmittel, und hätte auch so gern einmal wieder einen frischen Blumenstrauß – das bringt weitere “Normalität” in unser Leben. Glücklicherweise fällt mir noch kurz vor der Bestellung übers Internet ein, einfach mal im Reformhaus anzurufen und beim Blumenhändler, um zu fragen, ob es einen Lieferservice oder eine kontaktlose Übergabemöglichkeit gibt. Siehe da, wir finden für beides eine Lösung! Wunderbar, danke!

Wenn bis Samstag keine Symptome bei uns auftauchen, sind zwei Wochen um, in denen wir keine unmittelbaren Kontakte zu Menschen hatten. Es tut mir ein wenig leid für Kuyo, dass er dadurch auch etwas einsam mit uns beiden vorlieb nehmen muss. Welpenschule fällt ja wie alle anderen Schulen auch aus.

Hunde mit Mindestabstand
  1. April

Nun habe ich schon frei, aber komme zu nichts, so mein Gefühl. Kuyo hält uns auf Trab, bringt aber auch wohltuende Struktur und neue Routinen, will viel beschäftigt werden. Irgendwie fühle ich die typisch weibliche Doppel-, Dreifach-, Vierfachbelastung. Ein Welpe ist in den ersten Wochen vom Pflegeaufwand relativ zeitintensiv; ich stelle die Versorgung von uns drein mit Lebensmitteln sicher; hier und da Mithilfe bei der SIEBEN:, wobei ich grade festgestellt habe, dass mein Artikel in der print-Ausgabe von Fehlern nur so wimmelt, weil ich mir keine Zeit genommen habe, ihn noch mal gründlich durch zu korrigieren, ich ärgere mich über mich selbst; ich habe zwar Urlaub, bin aber trotzdem ständig mit meiner Arbeit beschäftigt, allein schon, um Kontakt zu halten, zu sehen, wo es bei unseren Partnern derzeit am meisten “brennt” – der Virus hat sie längst erreicht.

Uns geht es aber sehr gut, und wir haben viele fröhliche und glückliche Momente.

Wie aber mag es all den anderen Frauen gehen, denen, die mit Kindern und Mann auf engem Raum leben, Existenzängsten ausgesetzt, häuslicher Gewalt gar am Ende; denen, die sich sorgen um Familienangehörige; denen, die selbst pflegerisch tätig sind; denen, die im Verkauf täglichen Infektions-Risiken ausgesetzt sind; denen die ganz allein sind; obdachlos …




Saison- untypisch

2. April

“Huch, ist schon wieder Advent?” fragt mein Mann, als ihm vom Flur aus  der Geruch von selbstgebackenen Keksen in die Nase steigt. Schön wär’s, denke ich, dann hätten wir vielleicht das Schlimmste schon hinter uns, ein Impfstoff wäre gefunden, wenigstens ein Test für alle, ob man/frau es vielleicht schon hatte und damit eine Grundimmunisierung. Den würde ich sofort machen. Nicht nur, um mich wieder freier bewegen zu können,  das natürlich auch. Aber besonders, um da einzuspringen, wo Hilfe gebraucht wird, ganz egal wo. Das geht Vielen so, da bin ich sicher.

Aber er weiß natürlich, dass ich backe, wir hatten das besprochen, treffen ja plötzlich auch wie so viele Andere wesentlich öfter aufeinander. Mit dem Saison-untypischen Kekse-Backen hatte ich schon im letzten Sommer angefangen. “Jetzt wirst du aber langsam wunderlich”, so die Reaktion meines Bruders, dem ich ein Foto geschickt hatte.  Das auch, mag gut sein. Aber schon lange hatte ich mich über die viele Umverpackung bei gekauften Keksen geärgert. Und ein Kuchen ist für  zwei Leute einfach zu viel, wenn kein Besuch kommt, bzw. die Mitarbeiter*innen meines Mannes, sonst immer dankbare Abnehmer*innen, entweder im Sommerurlaub oder im home office sind.

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Kuyo versteht noch nicht so ganz, dass nicht jedes Klappern in der Küche auf wundersame Weise dazu führt, dass Essen in seinem Napf wächst und versucht, durch anhaltendes Bellen auf sich aufmerksam zu machen. Schließlich muss sein Retriever-Attrappen-Stofftier wieder einmal seine  Enttäuschung über den mangelnden Erfolg ausbaden

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Die SIEBEN: und damit mein blog sind jetzt online, es gibt positive Reaktionen, das freut mich und ermuntert mich zum Weitermachen. Selbst das Herz einer hartgesottenen lieben Freundin, alles andere als erkennbare Hunde-Liebhaberin, wird  offensichtlich erweicht. Der Anblick der Welpenfotos entlocken ihr  ein schriftliches  “Oh, wie süß!”. Ich wusste  bisher gar nicht, dass sie so etwas in ihrem aktiven Wortschatz hat.

Meine Tante schreibt: “Na, der Hund ist wohl euer Kind?” Zwar sind wir aus dem Kinderkriegen-Alter heraus, aber natürlich sind Haustiere auch immer praktisch ein vollwertiges Familienmitglied, da müssen wir uns nichts vormachen. Nur Vermenschlichen sollten wir sie nicht. Deshalb lernt Kuyo auch Stück für Stück, dass er in der Küche vor meinen Füßen nichts zu suchen hat. Wie bei allen Hunden sagt sein Blick deutlich, was er davon hält, wollte er doch ganz sicher nur verhindern, dass ich evtl. über einen herunter gefallenen Krümel stolpere.

Die Nachrichten berichten über 20 Infizierte in einem griechischen Flüchtlingslager. Sofort kommt mir das Bild von Dantes Inferno in den Sinn. Im Sudan entlassen sie Gefangene aus den Gefängnissen, um eine große Infektionsrate dort zu verhindern. Sierra Leone meldet als letztes Land Afrikas den ersten Fall. In unserem Landkreis scheinen die Fallzahlen zurückzugehen, deutschlandweit  steigen erwartungsgemäß nicht nur die Zahlen der Infektionen, sondern auch der Todesopfer. Aber die Infektionsverdoppelungszeit hat sich verlangsamt, die drastischen Maßnahmen scheinen also zu wirken. Nun ja nicht nach lassen, nicht unvorsichtig werden!

3. April

Ich schreibe nichts zu der Herz-zerreißenden Situation in den USA, in New York im Besonderen. Für die Politik, die tweets, die sonstigen Aussagen des Mannes im Weißen Haus seit Beginn der Pandemie fehlen mir ganz einfach wieder einmal die Worte. 

Dank an dieser Stelle an die Post und alle Lieferservices, lokale und weiter entfernte. Grade kommen meine Blumen- wunderbar. Gärtnereien und Blumengeschäfte dürfen jetzt wohl auch wieder öffnen, erzählt mir die Geschäftsinhaberin.  Denn auch Baumärkte sind ab dem Wochenende wieder für alle da,  das hat unser Ministerpräsident gestern verkündet. Dankeswerterweise wird aber auch weiter vom örtlichen Blumenhändler geliefert.

Erste Inspektion
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Bereits gestern kam der Fahrradanhänger für Kuyo. Bald können wir, wenn nicht doch noch eine Ausgangssperre kommt, wieder Fahrradausflüge machen, die Bewegung wird uns gut tun. Allein lassen können wir den Welpen noch nicht.  Lange laufen, und natürlich schon gar nicht am Fahrrad, darf er noch nicht. Wir werden jetzt erst einmal üben, in etwas sitzen zu bleiben, das sich bewegt. In Kübeln und Holzkörben klappt es ja tadellos, und ganz ohne unser Zutun. Wir sind uns nicht ganz sicher, ob unsere Nachbarn denken werden, nun seien wir endgültig durchgedreht, wenn wir anfangen, den Fahrradanhänger mit Kuyo durch unsere Straße zu schieben. Aber sie sind ja hart im Nehmen. Der Anhänger ist praktisch, denn er eignet sich auch zum Transport von Einkäufen. Das werden wir dann ausprobieren, wenn die Zeit des kontaktlosen Einkaufens vorbei ist. Zivile, umweltfreundliche “Dual use” (Doppelnutzung), sozusagen.

Egal worin-ich sehe immer gut aus!
Foto: SIEBEN: regional
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Die Kanzlerin wird heute die Erstkontakt-Quarantäne verlassen dürfen. Vielleicht kann Vizekanzler Scholz dann am Wochenende mal eine Stunde Ruhe finden.




Zwangsweise entschleunigt

4. April

Erstmalig in dieser Saison können wir im Freien, gewärmt von der Sonne,  zu Mittag essen. Was für ein schönes Wetter. Wetter – auch bei uns immer ein beliebtes Thema. Die Gründe für  die  „Fridays for Future“ Bewegung scheinen momentan fast in Vergessenheit geraten zu sein. 

Ich höre aber in den Nachrichten, dass bereits jetzt Klimaverbesserungen deutlich in der Atmosphäre sichtbar sind, durch den weltweit stark eingeschränkte Straßen-, Luft- und Wasserverkehr.  Mensch mag es kaum glauben: in Venedig sind sogar Fische in die Kanäle zurückgekehrt. Werden wir solche Mut-machenden Entwicklungen in der Zeit „danach“ in eigene Verhaltensänderungen und entsprechende Klimapolitik umsetzen? 

Was ist eigentlich mit den australischen Bränden passiert? Menschen in Deutschland entdecken den Wald wieder für sich, höre ich im Radio- können sie sich wohl noch erinnern, wie er vor den großen Sturm- und Borkenkäferschäden aussah, vor der Dürre des Sommers 2018, vor dem Hochwasser 2017? 

Nach und nach fällt mir wieder ein, auf wie viele Katastrophen Kinder in den letzten paar Jahren Antworten von uns Älteren erwartet haben. Mit wie vielen Ängsten und ganz und gar ungewohnten Situationen sie fertig werden müssen.

Wie ihres, hat sich das Leben von uns allen plötzlich und zwangsweise entschleunigt.  Mein Rechtschreibprogramm im Computer kennt das Wort “entschleunigt” gar nicht und markiert es als Fehler. Anfang der 80er Jahre wurde der Roman „ Die Entdeckung der Langsamkeit“ von Stan Nadolny zum Bestseller. John Franklin, die Hauptfigur, gerät aufgrund seiner Langsamkeit immer wieder in Schwierigkeiten mit seinen Mitmenschen, bis er schließlich grade aufgrund seiner ausgeprägten “Entschleunigung” zu einem ganz großen Entdecker wird. Wer weiß, vielleicht entdecken auch wir, wenn wir  erst einmal wieder näher beieinander sein dürfen, wie gut es uns getan hat, Dinge mit Muße anzugehen. Ob wir vielleicht dann sogar bei jemandem vorbeischauen können, ganz ohne vorherige, oft Wochen lang geplante Verabredung? Oder werden uns wirtschaftliche Sorgen zu noch größerer Hektik zwingen?

von Hasen
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Bei Kuyo scheint das mit der Entschleunigung hingegen noch nicht so ganz angekommen zu sein. Ganz im Gegenteil, je weiter die Tage fortschreiten, umso schneller wird er. In den wenigen Pausen aber bereitet auch er sich derweil schon einmal auf  Ostern vor. Noch ist uns  allerdings nicht ganz klar, ob er sich dabei eher als Hase oder Lamm versteht.

…und Lämmern
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5. April

Was für  Gedanken mir so in den Kopf kommen – habe ich heute doch tatsächlich kurz daran gedacht, dass auch Einbrecher sich jetzt, wo fast alle fast immer zu Hause sind, neue Einnahmequellen suchen müssen. Mein Mitleid hält sich hier allerdings in Grenzen.

Südsudan meldet die erste COVID -19 Infektion. Sofort schrillen sämtliche innere Alarmglocken. Das passiert ganz automatisch, nach all den Jahren mit immer neuen Katastrophen in diesem Land, in dem ich so viele Freund*innen habe. Ein Gesundheitssystem, das auch nur den Namen verdient, gibt es dort nicht. 

Krankenhaus, Leer, Südsudan
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Wenn jetzt noch immer Verantwortliche nicht erkennen, wie wichtig  ein koordiniertes Vorgehen der  Vereinten Nationen (VN) und aller weltweiten internationalen Organisationen ist,  wird es zu furchtbaren Zuständen, neuen Kriegen um die letzten Ressourcen kommen, grade auch in Ländern auf dem afrikanischen Kontinent. Die armen Länder müssen befürchten, dass selbst bereits zugesagte Gelder nicht mehr kommen werden, nun, da eine weltweite Rezession ungeahnten Ausmaßes bevorsteht. 

Die Vereinten Nationen wurden gegründet aufgrund der schrecklichen Erfahrungen aus dem zweiten Weltkrieg. Sie sind sicher verbesserungswürdig. Aber mehr denn je besteht  jetzt die Hoffnung für alle nur noch in weltweiter Solidarität. In einem koordinierten Vorgehen aller Hilfsmaßnahmen, ganz egal, wo sie gebraucht werden, ob in Heinsberg, Bergamo, New York oder eben in Juba, der Hauptstadt des Südsudan.

Krankenhaus Leer, Südsudan Mutter/Kind Abteilung
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Im Südsudan ist es ausgerechnet eine Angehörige der Friedensmission der VN, eine US-Amerikanerin, die positiv getestet wurde. Ein Freund, selbst jahrelang bei den Vereinten Nationen in Friedenseinsätzen tätig,  ruft an. Im Gespräch  erinnert er mich u.a. daran, dass wir in unserer Arbeit in Kriegs-und Krisengebieten nie von “Risikogruppen” sprechen, sondern immer nur von “besonders Verletzlichen”, Frauen, Kinder, alte Menschen in der Regel. Schnell kann sich bei dem Wort “Risikogruppen” ein falscher Zungenschlag einschleichen, je länger der jetzige Zustand mit Kontaktsperren für alle anhält, so fürchten wir. Hier machen Wörter tatsächlich einen Unterschied: Nicht die Risikogruppen stellen ein Risiko für alle dar, sondern sie sind es,  die besonders verletzlich, besonderen Risiken ausgesetzt sind und deshalb den  besonderen Schutz durch alle brauchen.

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Kuyo ahnt von all diesen Befürchtungen naturgemäß nichts. Wir sind uns nicht ganz sicher, ob er den ersten 3 minütigen Ausflug in seinem energiefreundlichen “Comfort Wagon” tatsächlich genießt, da steht uns wohl noch ein Stück Arbeit bevor. Aber er hat sehr schnell die Doppelfunktion dieses praktischen Fahrradanhängers erweitert : allgemeiner Ruheraum im Freien und Schattenspender in Frühlingssonne kommen jetzt noch hinzu.

Erster Versuch
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Bettvorleger

6. April

Bei  Fallzahlen von über 1,4 Millionen Corona Infizierten und knapp 75.000 Toten weltweit, frage ich mich wie schon so oft in meiner beruflichen Tätigkeit,  ob es eigentlich gerechtfertigt ist, bei uns so viel “Brimborium” um Hunde zu machen.

Eigentlich konnte man hier mal durchlaufen
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Oma Emma, die Großmutter meines Mannes, fällt mir ein, eine lebenspraktische Frau. Eines Tages zu Beginn der 80er wurde uns ausgerichtet, sie wolle uns sehen, um etwas zu besprechen. Wie jede*r in der großen Familie, der eine solche Aufforderung erhielt,  wurden auch wir sofort etwas nervös. Hatten wir etwas falsch gemacht, das ihrer Meinung nach einer sofortigen Korrektur bedurfte? 

Wir nahmen unseren Hund Akim mit, den schwarzen Labradormischling, den wir grade aus dem  Tierheim geholt hatten. Vielleicht würde der Anblick des jungen tolpatschigen Hundes sie milde stimmen, so unser Kalkül.

Tatsächlich, unsere Rechnung schien aufzugehen. Gleich bei der Begrüßung fuhr Oma Emma ihm liebevoll durchs Fell, lächelte. “Das mit dem Hund habt Ihr gut gemacht,” lobte sie sogar. Wir wollten uns grade erleichtert auf ihrem Sofa zurücksinken lassen, als sie ergänzte: “Der hat ein sehr gutes Fell. Wenn Ihr Glück habt, wird er nicht allzu alt, dann gibt er noch einen prima Bettvorleger.”

Auf dem Land hatte man eben schon immer ein etwas pragmatischeres Verhältnis zu Tieren…

Oma Emma wurde über 90 Jahre alt.  So alt ist die Queen nun auch schon. Gestern abend sprach sie zu ihrem Volk, erst zu 4. Mal in ihrer langen Amtszeit. Sie rief zum Durchhalten auf. Auch die britische Regierung hat über Jahre viel zu wenig in das Gesundheitssystem investiert, davon erwähnte sie allerdings nichts. Wäre sie infiziert, hätte sogar schlimme Symptome, und wäre sie nicht die Queen, würde kein Krankenhaus im Vereinigten Königreich die 93jährige aufnehmen. Boris Johnson hat Glück, er ist unter 75.

7. April Patrouille

Mein Arbeitgeber hält uns auf dem Laufenden, was mobiles Arbeiten, Überstundenabbau, Resturlaub angeht. Auch bei uns wird damit gerechnet, dass es relativ schnell zu massiven Kürzungen und Einsparungen kommen wird. Hoffentlich nicht zu Lasten der Partner, mit denen wir weltweit zusammen arbeiten. Sie, die vielen zivilgesellschaftlichen Organisationen mit ihren innovativen Projekten, werden die Unterstützung mehr denn je brauchen.

Private Hilfsinitiative, Upper Nile, Südsudan, 2014
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Ich könnte nun also bequem erst einmal weiter bis Mitte Juni gar nicht arbeiten, rechne sowieso nicht damit, dass ich früher nach Berlin zurück kann. Aber so lange nichts tun angesichts der Situation geht gar nicht. Da muss ich mir noch etwas einfallen lassen.

Für Kuyo allerdings wär’s prima, der hat nichts gegen stundenlange volle Aufmerksamkeit, selbst wenn es immer öfter auch mit Erziehungsprogramm verbunden ist. Nein, bei uns wird der Teppich nicht gegessen. Socken sind auch tabu. Selbst Schuhe stehen nicht auf dem Speiseplan. Ja, theoretisch kann man seine Leine essen, muss aber wirklich nicht. 

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Es ist so still, es gibt so wenige Begegnungen mit Menschen und Hunden. Vieles bleibt unbemerkt. Vor drei Wochen schon wurden wir durch Klingeln aus dem Schlaf gerissen. Blick auf die Uhr: grade mal halb fünf ! “Wer da,” rufe ich aus dem oberen Fenster. “Polizei, bitte kommen Sie mal runter!” Huch, schnell etwas übergeworfen, und zur Tür. “Nichts Schlimmes”, beruhigt mich der junge Beamte gleich. “Aber Ihre hintere Autotür steht weit offen, bitte kontrollieren Sie, ob etwas fehlt!” Sein Kollege leuchtet mit der Taschenlampe, tatsächlich, die Tür zur Straße hin ist sperrangelweit geöffnet. Aber glücklicherweise nicht aufgebrochen. Wir waren am Abend zuvor das letzte Mal einkaufen und müssen vergessen haben, sie zu schließen. Niemals wäre es in Vor-Corona-Zeiten passiert, dass keiner unserer Nachbarn uns darauf aufmerksam gemacht hätte. Wie schön, dass trotz chronischer Unterbesetzung und vielfältiger Aufgaben Polizeibeamte noch nachts Streife fahren.

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Befreiendes

8. April

„Am 8. April 1945 nahmen die Amerikaner Alfeld ohne Gegenwehr ein“, verzeichnet die Chronik meines Heimatortes. Genau einen Monat später war ganz Deutschland von der Naziherrschaft befreit. Der 8. Mai 2020,  75 Jahre nach  Kriegsende in Deutschland,  ist in Berlin Feiertag, aber alle großen Feiern sind selbstverständlich jetzt abgesagt. Da der 8. Mai in diesem Jahr auf einen Freitag fällt , hatte ich mich schon auf ein langes Wochenende zu Hause gefreut, wollte vielleicht noch weitere Tage frei nehmen. 

Nun  bin ich die ganze Zeit zu Hause. Wie heißt es doch so schön: „Bedenke wohl, was du dir wünscht, es könnte in Erfüllung gehen“…

Bei uns hat sich die Verdoppelungszeit bei Neuinfektionen deutlich verlangsamt.

In London wird Boris Johnson von der Intensivstation zurück auf eine normale verlegt. “He is not my cup of tea”, wie die Engländer*innen sagen, nicht ganz mein Fall also. Aber  ich bin irgendwie doch ganz froh- den Tod von wichtigen Politikern können wir momentan wirklich nicht gebrauchen. „Er ist ein Kämpfer, er wird es schaffen“ hieß es aus seinem politischen Umfeld. Wird er etwa als Held aus alldem hervorgehen? Soll das dann im Umkehrschluss auch so gedeutet werden, dass alle, die jetzt in Großbritannien sterben,  einfach nicht genug um ihr Leben gekämpft haben?  Opfer wieder einmal selbst schuld sein sollen an ihrem Schicksal? Wahrscheinlich nicht, aber schon oft genug passiert.  

Im Netz kursieren Verschwörungstheorien, alte Muster werden wiedergekäut. Die jeweils politisch passenden „Fremden“ werden dämonisiert. Im Südsudan, wo es inzwischen 3 Fälle gibt, müssen die Angehörigen der Friedenstruppen der Vereinten Nationen dafür herhalten. Kann noch deutlicher werden, was für ein Unsinn das alles ist?

Schulschluss, Leer südsudan 2014
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Krankenhaus Leer :medizinisches Personal bespricht die Lage
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Kuyo empört sich über Anderes. Sein großer Wassernapf hat beim Versuch, über ihn zu springen, nach seinem Hinterbein geschnappt, seine Pfote ist ganz nass geworden. Das darf nicht ohne Weiteres hingenommen werden, sondern verdient intensives Protestgebell:“ Stell dich dem Zweikampf, du blöder Wassernapf, du!“. Der lässt sich allerdings ebenso wenig durch Lautstärke bewegen wie Bälle, Stofftiere oder die Essensnapf- Füllerin.

Gründonnerstag mit Karfreitagsstimmung

9. April

Die abendlichen Nachrichtenbilder der verzweifelten Menschen, die ihre schwerkranken Angehörigen nicht besuchen dürfen; derer, die nicht wissen, wo ihre Lieben begraben werden;  der Anblick der Massengräber in Equador oder in New York; die Sorge darum, was mit den Menschen in Afrika passieren wird – all das macht es schwer, einzuschlafen. Meine beste Freundin hat gestern ihre Mutter verloren, nicht an einer COVID 19 Infektion. Manchmal vergisst man ja fast, dass es noch andere Ursachen geben kann zu sterben.

Sie ist ganz friedlich eingeschlafen, vielleicht auch, weil man ihrer Tochter erlaubt hatte, dabei zu sein. Was für eine tiefempfundene Gnade in diesen Zeiten! Bei der  Trauerfeier in der nächsten Woche darf die zulässige Gesamtzahl von 10 Trauernden nicht überschritten werden. Wir müssen zu Hause bleiben.

Vor der Kapelle der Versöhnung, Berlin, Bernauer Strasse
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Dietrich Bonhoeffer, der große unbeugsame Widerständler und tiefgläubige Theologe, ist auch an einem 9. April gestorben, hingerichtet von den Nazis im KZ Flossenbrück ganz kurz vor Kriegsende. Die letzte Strophe  „Von guten Mächten wunderbar geborgen…”seines vertonten Gedichtes  fehlt nach wie vor auf kaum einer Beisetzung, fast jede*r kennt die Melodie. Weniger bekannt sind Sätze wie  „Nicht in der Flucht der Gedanken, allein in der Tat ist die Freiheit…Nicht das Beliebige, sondern das Rechte tun und wagen… Nicht im Möglichen schweben, das Wirkliche tapfer ergreifen…“ aus seinem Gedicht „Stationen auf dem Weg zur Freiheit“.

Bei großer Akzeptanz der deutschen Bevölkerung für die derzeitigen einschränkenden Maßnahmen mehren sich doch auch hier wie weltweit die Stimmen derer, die auf einen schnellen Ausstieg aus dem  Gegenwärtigen drängen. Mir kommt kurzfristig der Gedanke, ob es wohl die sonst immer perfekt frisierten und ausrasierten Bartträger und gefärbten Botox – Damen sein werden, die als erste den großen Ausbruch anzetteln, jetzt, wo die Friseurgeschäfte schon so lange zu haben. Ob Herr Walz für Frau Merkel einen Ausnahmetermin machen darf?

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Kuyo hat den Kampf mit der Bürste beim abendlichen Striegeln und mit dem Handtuch beim sehr frühmorgendlichen Pfoten-Trocknen indes immer noch nicht aufgegeben. Bei zu großem Frust muss jetzt auch der von unserer kreativen wunderbaren Alvesroder Freundin liebevoll gestrickte weiße Hase herhalten, der heute zusammen mit dem selbstgenähten Mundschutz für uns im Osterpaket angekommen ist. Wie gern hätte sie den Hasen persönlich vorbei gebracht, wie gern hätten wir ihr am letzten Sonntag ihre Geburtstageschenke direkt überreicht. Nicht mal mit dem Ständchen vor ihrem Fenster hat es geklappt. Was für ein Verlust natürlich auch an Ohrenschmaus für sie  – bei unseren fast schon berüchtigten Sangeskünsten.

Frohe Ostern 2020
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Cousin Kalle

14. April

Was für ein Segen, dass sich mein Schwager und seine Familie fast zeitgleich mit uns entschlossen hatten, einen Welpen zu sich zu nehmen. Kalle tauften sie ihren schwarzen quirligen Bollipoo, den Bolanka Zwetna – Toy Pudel Mix, eine Neuzüchtung, von der ich noch nie gehört hatte. Er wird, selbst wenn er ausgewachsen ist, weder Höhe noch Gewicht erreichen, die Kuyo jetzt schon hat.  Während wir Menschen den angemessenen Abstand voneinander halten, nähern sich die jungen unterschiedlichen Hunde  an,  tollen nach kurzer Zeit so, wie sie es seit der Trennung von den Geschwistern wahrscheinlich immer vermisst hatten und wie wir Menschen es niemals könnten. Dient dieses Spiel doch u.a. dem für Hunde so wichtigen Ausprobieren von Grenzen, auch bei der Bissstärke. 

Da sind wir doch alle ausgesprochen dankbar, wenn jemand anders als wir dies unseren agilen “Krokodilen ” – noch mit spitzen Milchzähnen bewehrt- ermöglicht! Ganz abgesehen einmal davon, dass es einfach wohltut, Familienmitglieder  – wenn auch kurz und in gebührender Entfernung im Freien-  persönlich  zu sehen. 

K3 lokal: Kalle, Kuyo, Kaierde
Foto: SIEBEN regional
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Die Nachrichten sprechen davon, dass sich die meisten Menschen auch über die Osterfeiertage trotz des schönen Wetters an die Einschränkungen gehalten haben. Das ist ermutigend. In unserer Heimatstadt gibt es keine bekannten Infektionen, im Landkreis einige neue, aber nichts Dramatisches derzeit.

“Wir sehen eine Verlangsamung, aber keine Eindämmung der Pandemie bei uns in Deutschland. Insgesamt gibt es einige positive Tendenzen, aber wir müssen weiter daran arbeiten, dass diese sich jetzt auch fortsetzen”, betont der Präsident des Robert Koch Instituts immer wieder. Ebenso auch, dass nach wie vor viel zu wenig bekannt ist über dieses neue Virus, um gesicherte Prognosen zu geben, wie sich alles weiter entwickeln wird. “Niemand weiß z.B., ob alle, die infiziert waren, tatsächlich immun gegen eine Neuinfektion sind, oder wie lange Menschen evtl immun bleiben,” so der stets heisere Präsident.

 Sicher wünschen sich Viele so wie ich, dass sie schon infiziert waren, ohne es gemerkt zu haben. Dass sie jetzt immun nach draußen könnten, um überall dort zu helfen, wo es dringend gebraucht wird. Hoffentlich gibt es bald einen entsprechenden Test und mehr Erkenntnisse, ob Antikörper tatsächlich vor Neuansteckung schützen. Ich frage mich ja immer noch, ob ich nach meiner letzten Afrikareise im Februar evtl. eine Infektion aus den Flugzeugen oder Flughäfen mitgebracht hatte. Oder hatte ich mich ganz einfach bei meinem direkt anschließenden Dreh am Westhafen in Berlin bei der Neuverfilmung der Schachnovelle von Stefan Zweig so stark erkältet? Stundenlang mussten wir da in der  nächtlichen Eiseskälte immer und immer wieder so tun, als könnten wir in Rotterdam ein – zumindest beim Dreh noch imaginäres – Schiff erreichen und  uns so vor Verfolgung durch die Nazis retten. 

B-Komparsen Februar 2019
Foto: SIEBEN regional

Als ich dann endlich im Morgengrauen in die S-bahn wanken konnte, um nach Hause zu fahren, war es mir völlig egal, ob jemand mich sah. Aber in Berlin ist das eigentlich sowieso immer egal, wie jemand aussieht. Da schert sich niemand um eine zitternde ältere Dame in zusammengewürfelter 30ger Jahre Kostümierung und mit von Kältetränen verschmiertem Makeup. Sollte überhaupt jemand einen Blick verschwenden, würde er/sie wahrscheinlich denken, ich käme grade von einer Drogenparty, wo es nicht genügend Stoff gegeben habe. 

Halb und halb erwarte ich in solchen Situationen immer, dass mir jemand einen Euro in die Hand drückt oder mir etwas zu essen schenkt. Denn das passiert glücklicherweise häufig – nicht die vielen Touristen, unschwer am typischen Outfit zu erkennen, die in normalen Zeiten öffentliche Verkehrsmittel und Plätze füllen, unterstützen Obdachlose, Junkies und die überwiegend phantastischen zumeist osteuropäischen Straßenmusiker, sondern überwiegend Einheimische/Zugezogene.  Auch ich lege jede Woche eine bestimmte Summe in eine gesonderte Geldbörse, um sie so umzuverteilen.  

Es ist wohltuend davon zu lesen, wie unterschiedlichste Menschen sich jetzt an so vielen Orten Gedanken um die “aus dem Netz Gefallenen” machen und ihnen auf vielfältige Weise helfen. Wahrscheinlich wird Etlichen jetzt noch einmal ganz besonders bewusst, wie schnell ein sozialer Abstieg Jeden und Jede treffen kann, wie sehr mensch grade dann auf wohlwollende Solidarität und konkrete Hilfe in jeder Form angewiesen ist. 

Was den Menschen, die sich jetzt nicht in häusliche Quarantäne zurückziehen können, aber auch denen, die ganz allein irgendwo sind, jetzt auch ganz besonders fehlt, ist wohl menschliche Ansprache und Wärme. 




Nicht müde werden

15. April

Die Zahl der Infizierten im Landkreis geht zurück. In China steigen die Fälle der Neuinfizierten nach der Öffnung wieder an. Bei uns soll der kleine Gipfel aus Regierungsspitzen von Bund und Ländern heute entscheiden, ob und wann es zu schrittweisen Öffnungen kommen soll, wie in den Medien immer mehr diskutiert. Niemand kann sagen, was richtig ist, was weiter zumutbar, was nicht. Wiegen wir uns zu früh in falscher Sicherheit? Oder werden die gesellschaftlichen und individuellen Folgen eines weiteren “Lockdown”  schwerer wiegen als das Zurechtkommen- Müssen mit einem großen Anstieg von Todesopfern?

“Nicht müde werden, sondern dem Wunder, leise wie einem Vogel, die Hand hinhalten.” Dieses kleine Gedicht  von Hilde Domin hatte ein trauernder Kollege und Freund vor zwei Tagen in sein tägliches Rundmail eingebaut. Er konnte nicht wissen, wie lange mich grade dieser Spruch schon begleitet. Als Motto quasi für meine gesamte Friedens- und Versöhnungsarbeit, die von so vielen Rückschritten und immer wieder von Vorne-Anfangen begleitet ist. 

Fünf

Anfang Dezember 2011 erreichte mich in Khartum, der Hauptstadt des Sudan, die Nachricht, dass meine Nachbarin und Freundin schon aus Kindertagen völlig unerwartet gestorben war, plötzlicher Herztod. Heiligabend bekam ich zu Hause einen Anruf aus dem Sudan: ” Es ist noch nicht offiziell bestätigt, aber wahrscheinlich ist er tot”. Er, das war eine recht umstrittener Mann, mit dem ich relativ viel Zeit verbracht hatte, ein Arzt, ehemaliger Minister, dann Rebellenführer. Ich wollte verstehen, wie jemand zum Islamisten und glühenden Vertreter der islamistischen Regierung im Sudan werden konnte. Ebenso interessierte mich, ob er sich wirklich geändert hatte, ob er es ernst meinte mit seinem angeblichen Kampf für die Freiheitsrechte seines Volkes, und wie er damit zurecht kam, dass auch er verantwortlich war für das Leid und Sterben von so vielen Menschen. Nun war er also tot, nachts im Schlaf per Fernsteuerung ermordet von der Regierung, wahrscheinlich mit Hilfe einiger  ausländischer Verbündeter. Das, was von ihm und seinem Bodyguard übrig geblieben ist, irgendwo verscharrt in der Wüste.

Sudan 2007
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Es gibt immer noch keinen Frieden im Sudan,  obwohl sich dieser Tage der Sturz des Diktators zum ersten Mal jährte. War die Ökonomie durch jahrelange Misswirtschaft ohnehin schon am Boden, könnte die jetzige Corona-Problematik sie und damit auch die noch junge Übergangsregierung in den Kollaps führen. Ob da die gestern beschlossenen Programme von Weltbank und Internationalem Währungsfonds noch rechtzeitig greifen, ist fraglich. 

Das Nachbarland Äthiopien, wirtschaftlich wesentlich besser dastehend, verkündete vor ein paar Tagen – wieder einmal – die Verhängung des Ausnahmezustandes. Viele hatten geglaubt, unter dem jungen Friedensnobelpreisträger Ahmed Abiy, seit zwei Jahren Führer des Landes, werde das nie wieder geschehen. Gewählt werden wollte er eigentlich in diesem Jahr, aber die Wahlen wurden verschoben. Seit gestern ist eine Kampagne angelaufen, bei der alle auf COVID-19 an ihren Haustüren getestet werden sollen. So sie denn Häuser haben, denke ich mir, in diesem bevölkerungsreichen Land mit so vielen Armen und Vertriebenen.

Die nächsten beiden Todesnachrichten ereilten uns vor acht Jahren dann zu Neujahr. Sowohl mein Schwiegervater als auch mein Patenonkel lebten nicht mehr. Im Januar wurde meine Schwester ins Krankenhaus eingeliefert, wieder entlassen, erneut eingeliefert, am 15. April war sie tot. Nur zwei Tage nach der Trauerfeier musste ich in den Südsudan fliegen, wichtige Beschlüsse zur Weiterarbeit von RECONCILE, einer südsudanesischen zivilen Organisation für Frieden, Versöhnung und Trauma-Bearbeitung, die ich 2003 mit gegründet hatte, standen an. Denn nichts war gut in diesem jüngsten  Staat Afrikas weniger als ein Jahr nach der Unabhängigkeit. Am Ende des Folgejahres herrschte dann auch wieder  Krieg im Südsudan – trotz aller Versuche von Zivilgesellschaft  zu helfen, ihn zu verhindern.

Zufall … ?
Foto: SIEBEN: regional

Nah am Rand

Nach meiner Rückkehr von der nur einwöchigen Reise fühlte ich mich nicht gut, schob das aber auf meine  fortdauernden Versuche, mit den gehäuften Todesfällen in so kurzer Zeit und vor allem dem Verlust meiner Schwester irgendwie fertig zu werden. Unser damaliger Hund Yirol wunderte sich wahrscheinlich, warum wir so oft durch die Gegend stapften, warum wir aber auch zwischendrin so häufig Pause machen mussten. 

Vor acht Jahren gab es sogar noch Schnee
Foto: SIEBEN: regional

Anfang Mai wurde ich schließlich selbst ins Krankenhaus eingeliefert. Ich war so etwas wie eine kleine Sensation – kannten doch die meisten Ärzte, Laboranten und das Pflegepersonal eine Malaria Tropica bisher nur aus Lehrbüchern. Sie haben mir wahrscheinlich das Leben gerettet, bei uns, in unserem kleinen Alfelder Krankenhaus, dafür bin ich bis heute dankbar. Damals allerdings war ich eine Zeit lang in einem Zustand, in dem mir alles egal war, es sollte nur aufhören. Vielleicht fühlen sich die schwer COVID-19 Infizierten heute auch so.

An Malaria sterben Jahr für Jahr  weltweit jeden Tag rund 1500 Menschen, sehr viele von ihnen sind Babys und Kleinkinder. Eine vorbeugende Impfung gibt es nach wie vor nicht.

Finde das Original!
Foto: SIEBEN: regional

Kuyo ahnt von alldem nichts, schläft neben mir. Nach der nächsten Telefonkonferenz werden wir uns aufmachen zu neuen spannenden Abenteuern in seinem jungen Leben.

Kurz vor Schluss

20. April

Bei  der Erklärung von Maßnahmen zur Eindämmung der Coronainfektionen werden selbst von einigen Staatsoberhäuptern Kriegsmetaphern verwendet. Meine Erfahrung sagt deutlich: nein, ein Krieg ist etwas Anderes.

Ähnlich aber ist,  dass mensch jetzt plötzlich von “systemrelevanten Berufen und Betrieben” hört; ähnlich ist auch das Gefühl von totaler Hilflosigkeit gegenüber etwas völlig Unbekanntem, Unberechenbarem. Irgendwann tritt dann ein Gewöhnungsfaktor ein, ohne den ein Weiter-Leben gar nicht möglich wäre. Das wiederum führt schnell zu Sorglosigkeit, besonders, wenn man mehrfach „davon gekommen“ ist.  Zu einem Gefühl, man selbst sei unverwundbar, und das Schlimmste sei vorüber.

Deshalb graut mir, bei allem Verständnis, vor den jetzt angekündigten Lockerungen in der Eindämmung der Pandemie.

Keine Angst vor großen Tieren-aber nur mit Sicherheitsabstand!
Foto: SIEBEN: regional

Kuyo graut es eher nicht, der freut sich über jede Begegnung mit Mensch oder Tier in diesen kontaktarmen Zeiten.  Den Generalsekretär der Vereinten Nationen wird er aber auch in anderen Zeiten wohl kaum jemals treffen.  Dieser rief, als klar wurde, dass eine  Pandemie unbekannten Ausmaßes ausgebrochen war, dazu auf, bewaffnete Konflikte weltweit nun endgültig beizulegen.  Momentan hört man tatsächlich wenig von kriegerischen Auseinadersetzungen. Aber die Ruhe ist trügerisch. 

Wir lesen von den Flüchtlingen, die schon so lange in Lagern ausharren müssen, erste COVID 19 Fälle wurden bekannt. Grade hat Niedersachsen wenigstens einige wenige der dort bisher lebenden unbegleiteten Kinder aufgenommen. 

Ich frage mich, wie lange es dauern wird, bis in Syrien wieder bombardiert wird. Militärisch tragen solche Angriffe nirgendwo etwas aus, aber sie terrorisieren die Bevölkerung, was dazu führt, dass Tausende von Menschen fliehen und Schutz in Nachbarländern suchen müssen.

Auch die Regierung des Sudan bombardierte während des Bürgerkrieges von 1983-2005 immer wieder zivile Ziele im Südsudan – selbst in Zeiten vermeintlichen  Waffenstillstandes.

Hinter Mauern- Friedensmission Vereinte Nationen , Sudan 2020
Foto: SIEBEN: regional

In diesem merkwürdig ereignislosen Schwebezustand der Corona Kontaktsperre  bleibt viel Zeit zum Nachdenken. So erinnere ich mich an die erste heftige Bomardierung, der ich selbst ausgesetzt war. Am 14. März 2000 um ca.10.00h morgens wurden wir,  eine 3-köpfige Delegation des Kirchlichen Entwicklungsdienstes, in der Gegend von Nimule (Südsudan) nahe der ugandischen Grenze Augenzeugen einer solchen Bombardierung ziviler Ziele.  Die damit verbundenen Verletzungen an Leib und Seele spürten wir hautnah. 

So führt dieses einschneidende Erlebnis noch heute dazu, dass ich bei bestimmten Geräuschen kurz den Drang verspüre, mich flach auf den Boden zu werfen, ganz egal, wo ich mich grade befinde. 

Ich suche mein altes Tagebuch und lese nach langer Zeit einmal wieder, was ich vor fast genau 20 Jahren nach der Bombadierung schrieb. (im Folgenden leicht überarbeitete Auszüge)



Rückblick: Der Himmel regnet Bomben

14.März bis 20.April 2000

Regen bringt Segen 

Ajumani, Uganda, 15.3.2000, ungefähr  2.00 Uhr nachts. Ich weiß nicht ganz genau, wie spät es ist, denn ich habe meine Uhr verloren, als die erste Bombe fiel –  völlig ohne Vorwarnung. Mein Arm hat ein paar Kratzer abbekommen, als ich mich so plötzlich zu Boden werfen musste. Das habe ich aber erst später im Behelfsbunker gemerkt. Naja, denke ich, besser die Uhr verloren als den ganzen Arm…

Jetzt sitze ich hier, lausche dem heftigen Regen, auf den die Menschen so lange gewartet haben. In vielen Ländern Afrikas heißt es “Regen bringt Segen“, und wenn das Einsetzen der Regenzeit mit dem Eintreffen eines Gastes zusammenfällt, ist sein/ihr Besuch gesegnet….

Gestern abend war alles so friedlich auf dem Hof der kirchlichen Hilfsorganisation in Nimule. Als ein paar Regentropfen fielen, haben die Leute applaudiert…

Mittlerweile regnet es heftig, in dieser Nacht in Uganda, schon seit zwei Stunden. Ob der Regen wohl die Bombardierungen stoppen wird, frage ich mich.

Eine surreale Situation, in der ich hier sitze und schreibe- wie immer nach solch ungewöhnlichen Erlebnissen. Merkwürdigerweise bin ich ganz ruhig, fühle mich aber schuldig, dass ich meine Kollegen bei ihrem ersten Besuch im Südsudan in diese Lage gebracht habe. 

Es ist so furchtbar heiß, der Regen bringt gar keine Abkühlung…

Regenzeit,
RECONCILE Versöhnungs- und Friedensorganisation
Yei/Südsudan 2018
Foto: SIEBEN: regional


Trügerische Ruhe 

Wie hatte der Tag angefangen? Ganz friedlich, wie schon so oft mitten im Kriegsgebiet im Südsudan. Aufgewacht beim ersten Hahnenschrei. Hinter dem Tokuhl (sudanesische Rundhütte) fährt ein Konvoi vorbei, der Lebensmittel bringt. Eine kurze Dusche zur Erfrischung, am Tage wird das Thermometer noch bis auf 47°c klettern. Ein wenig morgendlicher Small talk mit W.; kurze Inspektion des kleinen, in den Boden gegrabenen Bombenunterstandes– ein ungewöhnlicher Anblick für Menschen, die deutsche Verhältnisse gewohnt sind: bedeckt mit Holzbohlen und Erde, mit Platz für ca. 12 Personen; nicht gerade sehr stabil aussehend – aber vor umherschwirrenden Bombensplittern wird er wohl schützen…

Frühstück. Schwester Felicitas kommt vorbei, erzählt uns von ihren Erlebnissen vor acht Jahren während der Belagerung von Juba, der Hauptstadt des Südsudan. Damals hatte die Mutter Oberin den Schwestern freigestellt zu bleiben oder auf eigene Faust zu versuchen, die Stadt zu verlassen. Felicitas ist geblieben, und heute leitet sie – neben vielen anderen Aufgaben – einen Kindergarten in Nimule. Sie bittet uns um die Vermittlung von Kontakten, die vielleicht ein paar Spielzeuge für die Kinder zur Verfügung stellen können. Wir diskutieren über Partnerschaft. Zwei Stunden später wird die erste Bombe direkt neben ihrem Kindergarten einschlagen.

Teilnehmerinnen Kurs Trauma-Arbeit
Selbstverständlich dürfen Mütter ihre Kleinkinder mitbringen
RECONCILE Yei 2015
Foto: SIEBEN: regional

Nach dem Frühstück ein Besuch im Krankenhaus. Der einzige Arzt empfängt uns herzlich und führt uns herum. Alles macht einen guten Eindruck, ich habe viel schlimmere Plätze gesehen. Die üblichen Krankheiten: drei Landminenopfer, die Arme und/oder Beine verloren haben, ein paar Tuberkulosefälle, schwere Malaria, jemand ist von einem Krokodil gebissen worden, einer leidet an Verbrennungen, ein HIV-Verdacht. Ein Vater kümmert sich liebevoll um seinen kleinen Sohn, der keinerlei Regung zeigt.

Die Patienten hier bekommen zwei Mahlzeiten pro Tag, ziemlich ungewöhnlich. Sie haben sogar Betten mit Matratzen. Hier muss niemand – wie sonst üblich – auf dem Boden liegen. „Vielen Dank“ „Gott segne Euch, ich hoffe, wir sehen uns wieder“. Der Doktor weiß nicht, dass in gut 1 1/2 Stunden viel Arbeit auf ihn zukommen wird – dann, wenn die ersten Verletzten gebracht werden.

Wir fahren weiter zur Grundschule, die mit kirchlichen Mitteln unterstützt wird, vorbei an einer Kirche. Wir entscheiden, sie etwas später zu besuchen. Bisher deutet nichts darauf hin, dass wir dazu keine Gelegenheit mehr haben werden.

Vorschulkinder, Dilling, Sudan, 2020
Foto: SIEBEN: regional

„Herzlich willkommen, schön, euch zu sehen!“ Der Schuldirektor ist ein bisschen schüchtern. Einige Klassenräume mit bis zu 120 Schülern, zwei Klassen werden im Freien unterrichtet, ein Junge im selbstgebauten Rollstuhl. Wir schauen kurz bei der 7. Klasse vorbei. Zu unserem Erstaunen lernen da ein paar Erwachsene mit. Bisher hat die Regenzeit noch nicht begonnen und es gibt noch nicht viel auf den Feldern zu tun. Da nutzen sie die Gelegenheit, etwas über Biologie zu erfahren – sehr ermutigend! Die Sehnsucht nach Bildung ist überall überwältigend.

Sie kommen

Zwei neue Klassenräume werden gebaut. E. schlendert hinüber, um einen fachmännischen Blick dauf die Konstruktion zu werfen. Wir plaudern im Freien mit dem Schuldirektor.

Plötzlich laufen die Kinder aus den Klassenräumen, laut schreiend. Im ersten Moment denke ich, sie hätten Pause. Noch habe ich es nicht gehört, das Antonov-Flugzeug der Regierung. Die Kinder und die Hühner sind immer die ersten, die es bemerken…

Von einer Sekunde zur nächsten verändert sich alles. “Sie kommen, sie kommen! Runter! Schnell!“ Ich kann nur noch W. zurufen, sich sofort hinzuwerfen, sehe, dass E. schon liegt, versuche, näher an ihn heranzukommen. Jetzt höre ich es auch, das unverkennbare tiefe Brummen des herannahenden Bombenflugzeugs. Ich werfe mich hin und reiße automatisch die Hände über den Kopf – als ob das helfen würde!

Und fast im gleichen Augenblick die erste Detonation, ganz nahe, gleich darauf die zweite. Für einen Moment weiß ich nicht einmal, ob ich noch lebe oder ob es mich erwischt hat…

Aber es bleibt sowieso  keine Zeit zum Nachdenken. Die Kinder rennen schon wieder, schreiend, voller Panik, sie wissen nicht, wo sie Schutz suchen sollen. Wir rappeln uns auch hoch aus dem Dreck, zurück auf die Füße. Sind alle in Ordnung? Was als nächstes? Unser Gastgeber bleibt ganz ruhig und gibt Anweisungen:“Lasst uns zu unserer Basis zurück gehen, es ist nicht weit!“

Aber da ist es schon wieder, das Brummen des herannahenden Flugzeugs. Sie kommen zum zweiten Mal! Wir rennen los, die anderen sind vor mir. Das Flugzeug ist schon ganz nah – sollen wir uns gleich hier hinwerfen? Ich bin schon fast am Boden, als jemand schreit „Weiter, wir schaffen es!“. Unser Fahrer ist neben mir, schnappt meinen Rucksack, hilft mir hoch. Ich rase wieder los, schnappe im Laufen zwei kleine Kinder und schleife sie mit. Wir erreiche den Unterstand gerade in dem Moment, als die nächste Bombe fällt.

Reste einer Splitterbombe, Sudan 2002
Foto: SIEBEN: regional

Im Bunker

Ist es jetzt vorbei? Normalerweise werfen sie nicht alle Bomben über einem Ort ab. Aber nein, wir hören das furchterregende Geräusch schon wieder. Sie kommen zurück! Ich versuche, wenigstens  eins der kleinen Kinder mit meinem Körper zu schützen. Wer braucht die tröstliche Nähe eines anderen Menschen mehr – das Kind oder ich?

Es ist heiß und stickig im Bunker. Die Frauen reichen etwas Wasser, wir geben es zuerst den Kindern, die immer noch keinen Laut von sich geben.

Bill und Rose von der benachbarten Hilfsorganisation kommen herein, um Schutz zu suchen, offensichtlich völlig verstört. Die erste Bombe hat ihr Grundstück getroffen; noch wissen sie nicht, wie viele Menschen verletzt oder getötet wurden.

Ich will gerade den Bunker verlassen, als die Antonov schon wieder kommt. Zurück, hinwerfen, wieder versuchen, das Kind zu schützen, das immer noch nichts gesagt hat. Ein schnelles Vaterunser. Das unheimliche Sirren der herabfallenden Bombe. Gott sei Dank, sie haben uns nicht getroffen.

Wir versuchen zu zählen – wie viele Bomben haben sie schon abgeworfen? Wie viele sind noch übrig? Sechs Bomben sind schon gefallen. Werden sie jetzt aufhören? Wie viele Bomben hat so ein Flugzeug an Bord? Einige sagen zwölf, andere 24.

Ein Mann kommt in unseren Unterstand. Er sucht seinen Sohn, aber findet ihn  nicht bei uns. Unser Gastgeber merkt, dass ich meine Uhr verloren habe. „Entschuldigung; wir werden jemanden bitten, sie zu suchen. Es tut uns so leid…“

Mauer der Schule in Nimule, Südsudan, 2012
Foto: SIEBEN: regional

Ich verlasse den Bunker. Eine schnelle Zigarette. Höre sie zurückkommen. Ich weiß, dass der Bunker einem direkten Treffer nicht standhalten wird, aber wir fühlen uns trotzdem sicherer dort drinnen als im Freien.


Unter dem Mangobaum

Das gleiche furchtbare „Spiel“ eine nicht enden wollende Stunde lang. Zwischendrin: 
Schon wieder das tiefe Brummen des Flugzeugs. JedeR rennt zurück in den Bunker.

Schließlich: die zwölfte Bombe.

Stille. Kann es wahr sein? 

Anscheinend ja – alles scheint so völlig irreal. Jede*r begrüßt jede*n noch einmal mit Handschlag, als wir endlich den Unterstand verlassen. Stühle werden unter den Mangobaum gestellt. Etwas Wasser, Diskussionen. Lachen. Daran musste ich mich auch erst gewöhnen. An das Lachen in schlimmsten Situationen.

Austausch von Neuigkeiten mit Menschen, die auf unser Grundstück eilen. Der ganze Ort sorgt sich um uns, die drei Gäste. Haben sie das Krankenhaus getroffen? Ja. Nein, doch nicht. Wo warst du, als die erste Bombe fiel? Kümmert sich irgendjemand um die Verletzten?

Warum haben sie heute Nimule bombardiert? Haben sie es noch auf ein anderes Ziel abgesehen? Ich schaue in die Runde. Wir, die fremden Weißen, sehr blass, mit großen Augen, dreckig – aber lebendig. Gott sei Dank. Wir beten.

Anna kommt vorbei. Bei ihnen auf dem Grundstück für medizinische Hilfe ist auch alles in Ordnung. Ich gebe einem Priester, der nachsehen will, welche Schäden entstanden sind, meinen Fotoapparat. Mir ist jetzt ganz gewiss nicht danach, sensationelle Fotos von den Opfern zu machen. Aber wir brauchen sie, für unsere spätere Lobbyarbeit, um zu beweisen, dass nur zivile Ziele bombardiert wurden und nicht, wie immer von Regierungen, egal wo, behauptet, militärische Einrichtungen.

Wartehalle des internationalen Flughafens in Juba, Südsudan, 2018
Foto: SIEBEN: regional

Später: wir versuchen, meine Uhr zu finden. Irgendwie lächerlich. Wir schauen uns die Zerstörungen an. Die Verletzten sind bereits ins Krankenhaus gebracht worden.

Wir hören neue Nachrichten. Eine Bombe ist in den Fluss gefallen, direkt neben eine Frau mit ihrem Kind. Sie ist nicht explodiert, aber durch den Schock haben beide ihre Sprache verloren. Eine Bombe hat die Kirche, die erst vor wenigen Wochen gebaut wurde, direkt getroffen. Der Katechist ist schwer verwundet. Ein Mann kam nicht mehr rechtzeitig  aus seiner brennenden Hütte heraus.

Am schlimmsten hat es unser Nachbargrundstück erwischt. Der Verwalter  mit dem wir noch am Abend zuvor geplaudert hatten, ist tot. Arme und Beine von der Splitterbombe abgerissen. Sieben Menschen sind zum Teil sehr schwer verletzt…

Und jetzt ist alles wieder so friedlich. Die Sonne scheint; wir versuchen, uns annähernd normal zu benehmen. Um 15.00h brechen wir auf. „Flüchtet Ihr vor der Antonov?“ „Nein, nein…“. Wir haben entschieden, unseren ursprünglichen Plan, noch einen anderen Ort im Südsudan zu besuchen, nicht weiter zu verfolgen. Ein Bombenangriff ist erst einmal mehr als genug bei dieser ersten Reise meiner Kollegen.

“Europäer haben die Uhr, wir haben die Zeit” (afrikanisches Sprichwort)
Bei Vater Burdas, Dilling, Sudan 2020
Foto: SIEBEN: regional

Zurückgelassen und mitgenommen

Wir können weg von hier, weit weg von diesem Alptraum. Aber unsere neuen Freund*innen bleiben zurück. Werden wir sie jemals wiedersehen? Jemand rät uns, psychologische Hilfe zu suchen. Doch wer wird den tief traumatisierten Frauen, Kindern und Männern im kriegsgeschüttelten Südsudan psychologischen Beistand geben?

Foto: SIEBEN: regional

Mittlerweile ist es ungefähr 3.00 Uhr nachts. Ich sitze hier vergleichsweise sicher in Uganda, ganz nah der Grenze.  Es ist immer noch sehr heiß und es regnet immer noch. Ich rauche und bin kein bisschen müde. Und ganz tief in mir höre ich  pausenlos das tiefe Brummen der Antonov und die Stille der Kinder. 

Am Viktoriasee, Uganda 2019
Foto: SIEBEN: regional

29.März 2000: Eben erhielten wir die Nachricht, dass am Tag zuvor um ca. 18.00h, Nimule erneut bombardiert wurde. Wieder wurden über einen Zeitraum von einer Stunde zwölf Bomben abgeworfen. Noch wissen wir nicht, wie es unseren Freund*innen geht…

Wie lange will die Welt da weiter untätig zuschauen?

20. April 2000:  7. 00h Wir haben in den letzten Wochen viel Lobbyarbeit bei Regierungen und bei den Vereinten Nationen gegen die Bombenangriffe gemacht.  Bei allen hinterlässt es immer mehr Eindruck, wenn Menschen aus dem Westen, Weiße am besten, direkt betroffen sind als Tausende namenlose  Einheimische.

Eben berichten Nachrichtenagenturen, dass der Präsident des Sudan die Einstellung der Bombardierungen ziviler Ziele angeordet habe. Wenn das stimmt, hat unser Erlebnis vielleicht doch etwas Gutes gehabt, denke ich. 

14.00h Ich bekomme eine neue mail: Die Regierung hat  vor fünf Stunden ein Krankenhaus bombardieren lassen..

Danach

Fast ein Jahr lang konnte ich, die ich doch vorher immer in noch so abenteurlich anmutende  Flugzeuge gestiegen war wie andere in  einen Bus oder Zug, damals nicht mehr ohne Angst fliegen – die Verküpfung Flugzeug gleich Lebensgefahr hatte sich innerhalb von nur einer Stunde eingenistet.  Bilder von bombardierten Städten und Flüchtenden mit vor Angst verzerrten Gesichtern brechen mit bis heute das Herz

Das Erlebnis  selbst schweißte uns zusammen, aus Kollegen wurden quasi Kriegskamerad*innen, dann enge Freunde. Jetzt gibt es für uns Drei ein Leben vor und nach dem Angriff – einer von uns erinnert jedes Jahr an diesen zweiten “Geburtstag”, selbst jetzt, nach 20 Jahren noch.

Unser friedenspolitisches Engagement wurde noch einmal erheblich gestärkt,  auch wenn wir drei Friedfertigen zugegeben müssen, kurz die Idee diskutiert zu haben, wie wir am besten ganz persönlich eins der Bombenflugzeuge vom Himmel holen könnten. Das haben wir natürlich nicht weiter verfolgt. Wir setzen uns stattdessen immer noch mit friedlichen Mitteln gegen Übergriffe auf Zivilisten ein, egal, wer sie begeht. Drei Jahre nach der Bombardierung gründeten wir zusammen mit südsudanesischen Kollegen ein Zentrum für Versöhnung und Traumaarbeit: RECONCILE. 2012 führte mich mein Weg endlich wieder nach Nimule, damals eine lebendige aufstrebende Grenzstadt. Vier Jahre  später wurde dieser Ort wieder Kriegsschauplatz. 

Der Direktor von RECONCILE (Yei, Südsudan) diskutiert über Umweltschutz
Duinger Seen, 2014
Foto: SIEBEN: regional

Der heutige Direktor von RECONCILE stammt aus Nimule. Er  kannte unsere letzten beiden Hunde. Jetzt im Mai sollte er auch Kuyo kennenlernen, und sich endlich einmal wieder bei uns zu Haus ein wenig von seiner lebensgefährlichen, anstrengenden Arbeit im Südsudan ausruhen. Nun kann er nicht reisen, wegen der Pandemie. 

Hoffentlich bald wieder!
Alfeld 2014
Foto: SIEBEN: regional

Nicht müde werden,
sondern dem Wunder, leise wie einem Vogel,
die Hand hinhalten. (Hilde Domin)



Von Tieren und Menschen

22. April

Jedes Jahr wieder bin ich begeistert, wenn der Bauer die Kühe und Kälber auf die Weiden hinter unserem Haus bringt. Dann weiß ich, der Winter ist endgültig vorbei, und sie werden mich den ganzen Sommer lang begleiten. Glücklicherweise kann ich als Vegetarierin auch sicher sein, dass nicht Teile von ihnen eines Tages auf meinem Teller landen.

In diesem Jahr erlebe ich den Frühling wieder ganz intensiv, allein schon  wegen des Welpen, mit dem man am besten die meiste Zeit im Freien verbringt – nicht zuletzt, um nicht zu oft Stubenreinheits – Maleure im Haus beseitigen zu müssen. 

Das wunderbare Wetter macht es leicht. Die Felder allerdings sehen schon wieder so aus, wie ich es vor ein paar Jahren nur aus Afrika kannte. Hart mit Rissen, dazwischen junge Pflanzen, noch grün. Im Wald rascheln immer noch Berge schnell entflammbaren  trockenen Laubes unter den Füßen.

Die Welternährungsorganisation warnt vor einer Hungersnot in Asien und Afrika, auch wegen der Corona Krise. Kaum jemand  spricht noch über die Riesenheuschreckenschwärme, die seit Monaten Ostafrika verheeren, momentan insbesondere den Sudan und Äthiopien.

Westdarfur, Sudan
Foto: SIEBEN: regional
Foto: SIEBEN: regional

Bei uns zu Haus begutachtet Kuyo die fremdartigen Tiere, die so plötzlich in der Gegend herumstehen. Jahrelang hat uns der  Vater  des jetzigen Besitzers regelmäßig jedes Frühjahr erneut ermahnt: „Aber nicht euren Hund auf die Wiese lassen, dass mir die Viecher nicht durchgehen“. Das hat genervt, oft. Waren doch grade wir es immer wieder, die Bescheid gaben, wenn etwas mit einer seiner  Kühe oder Kälber nicht zu stimmen schien. 

Jetzt fehlt uns seine Frühjahrsansprache, er ist vor nicht allzu langer Zeit verstorben.

Sie sind wieder da!
Foto: SIEBEN: regional

Aber auch die Schafe, die an anderer Stelle plötzlich im Freien grasen, wecken Kuyos Interesse, selbstverständlich. Prompt fällt mir auch dazu eine Geschichte ein. 

Jahrelang habe ich zusammen mit einem lieben Kollegen in der schönen Lüneburger Heide alljährlich eine Sudantagung veranstaltet, mit bis zu 140 Teilnehmenden aus aller Welt.  Rebellen, Regierung und Zivilgesellschaft konnten sich hier im sicheren Raum treffen, weit weg von jeglicher Störungsmöglichkeit von außen. Oft waren Pausen und nächtliche Gespräche weit wichtiger als das offizielle Programm. 

Ganz zu Anfang nahmen besonders viele verschiedene Menschen aus Niedersachsen teil, war doch der Sudan das Partnerland Niedersachsens in den 80er Jahren des letzten Jahrhunderts des vorigen Jahrtausends (endlich kann ich das mal schreiben – und fühle mich sofort uralt!). Auf solchen Konferenzen macht frau dann natürlich auch viel „small talk“. So kam ich in einer der Pausen mit einem distinguierten Herrn ins Gespräch, natürlich über den Sudan, und irgendwie auf  Hunger und Tiere und die damals noch verschlafene Hauptstadt zu sprechen. „Ich finde es so verrückt, dass die Ziegen dort sich sogar auf großen Straßen herumtreiben und sich fast ausschließlich von herumliegendem Zeitungspapier zu ernähren scheinen,“ merkte ich an, hatte ich dies doch grade auf meiner allerersten Reise gesehen.

„Woher wissen Sie denn, dass das Ziegen waren und keine Schafe?“ fragte mein Gesprächspartner. 

Ist das da draußen auch ein Schaf?
Foto: SIEBEN: regional

Sofort fühlte ich in meiner Ehre gekränkt. Wenn frau wie ich vom Lande kommt, bildet sie sich natürlich ein, praktisch die Expertise für alles, was Ackerbau und Viehzucht betrifft, mit dem ersten Glas Kuhmilch eingesogen zu haben. So entgegnete ich voller Inbrunst: „Na hören Sie mal, ich stamme vom Dorf, da werde ich wohl den Unterschied zwischen einer Ziege und einem Schaf erkennen!“

„Sehr interessant,“ meinte mein Gesprächspartner. „Ich kann das bei den sudanesischen Tieren  leider nicht immer ohne Weiteres sofort sehen. Wenn ich mich übrigens vorstellen darf: Ich bin der leitende Veterinär der Tierärztlichen Hochschule Hannover, wir haben eine enge Partnerschaft mit der entsprechenden Fakultät der Universität Khartum. Sehr erfreut, Sie kennen zu lernen.“

Dies war nur einer der Momente, in denen ich mir wünschte, es gebe so etwas wie „Scotty, beam mich weg – und zwar sofort!“ (Raumschiff Enterprise) auch in Wirklichkeit. Viele weitere sollten noch folgen., grade bei meinen Begegnungen mit „anderen Welten“.

 Wie heilsam, wenn frau immer wieder merkt, dass sie bei Weitem nicht so schlau ist wie sie meint!

Meine Lieblingsnachricht des heutigen Tages: Auch Dänemark verkündet Hilfen für Unternehmen in Milliardenhöhe und betont gleichzeitig, dass dänische Firmen, die ihren Hauptsitz in irgendwelche entfernten Steuerparadiese verlegt haben, sich gar nicht erst um solche Gelder zu bemühen brauchen.

Wer weiß, vielleicht bleibt nach dieser ganzen weltweiten Krise ja doch Einiges übrig, das gut ist. Auch neben der Entdeckung, wie wichtig direkte menschliche Kontakte sind oder an wie vielen Stellen man auf direkten Kontakt und weite Reisen verzichten kann, um  das Klima nicht weiter zu schädigen, z.B.

Foto: SIEBEN: regional





Das Phantom der Oper

25. April

Gestern hat der Ramadan angefangen, die wichtige Zeit des Fastens für Muslim*innen, zum Innehalten und Nachdenken, aber auch der Gaben an die Armen. Wie bei uns in Alfeld, werden auch meine sudanesischen Freunde und Freundinnen das abendliche gemeinsame Fastenbrechen sehr vermissen,  normalerweise jedes Mal ein kleines Fest in Gemeinschaft. 

Kuchen im Supermarkt in Khartum, Sudan 2020
Foto: SIEBEN: regional

An Essen denkend entscheide ich mich spontan, nach fünf Wochen endlich einmal wieder persönlich in den Supermarkt zu gehen.  Am besten ganz früh am Tag, überlege ich, dann ist es wahrscheinlich noch nicht sehr voll, Abstand kann gut gewahrt werden.  Meine Rechnung geht auf, der Parkplatz ist noch weitgehend leer. Es ist bitterkalt an diesem Samstag morgen. 

Vor dem Eingang des Marktes wird mir der Einkaufswagen persönlich von einer der Angestellten übergeben – eigentlich sehr bequem,  ich brauche weder Chip noch Euro und muss mich auch nicht  wie sonst üblich abquälen, ihn rückwärtsstolpernd aus der Überdachung zu befreien. Die Angestellte aber tut mir leid, wie sie hier im Freien bibbern muss, gleich bleibend freundlich sich die immer gleichen Sprüche von Kunden anhörend. 

Eigentlich mochte ich die wöchentlichen Einkaufstouren nie besonders, in Vor-Corona-Zeiten. Aber dieses Mal gerate ich fast in einen Kaufrausch – wo ich doch nun schon einmal da bin und nur zugreifen muss, anstatt zu Hause zu überlegen, was ich wirklich dringend brauche und meinen einkaufenden Freundinnen an Menge zumuten kann. 

Maismehl im Supermarkt in Entebbe, Uganda 2019
Foto: SIEBEN: regional

Außer mir mögen vielleicht 20 weitere Personen im Markt sein. Zwei andere tragen wie ich eine Maske. Merkwürdig – ab Montag ist doch ohnehin Maskenpflicht – denken die Leute, auch ihre möglichen Viren warten bis zum Wochenanfang? 

Im Gang zwischen den Regalen höre ich:„Na, worauf warten Sie denn? Kommen Sie doch durch, so dick bin ich nun wirklich nicht,  dass wir nicht beide hier durchpassen würden!“ 

Beim Bäckerstand ist auf dem Boden klar markiert, wo gewartet werden soll, bis man an der Reihe ist.  „Ach,  da ist aber schön viel Platz“, denkt sich wahrscheinlich der Mann, der von der Seite neu dazu kommt. „Dann nutz ich doch die Lücke und bestelle mal eben sofort.“  Frechheit siegt – auch während dieser Zeiten.

Noch schnell auf den Wochenmarkt, überlege ich, frischen Spargel, ein paar Erdbeeren holen, und die Gärtnereien dürfen jetzt ja auch wieder verkaufen.

Beim Spargelstand eine Schlange, brav wird mit Abstand gewartet, auch ohne Markierung, einzeln wird an den Stand getreten. Auch hier kommt jemand von der Seite dazu, anstatt sich ans Ende zu stellen. Ich kenne ihn, merke ich und nicke ihm zu. Jetzt, wo jemand eine Maske trägt so wie ich, fällt es ihm offensichtlich noch leichter, so zu tun, als würde man Andere nicht erkennen. Sehr erbärmlich, irgendwie.

Heute ist Weltmalariatag. Täglich sterben weltweit rund 1500 Menschen an dieser Krankheit, gegen die es nach wie vor keine vorbeugende Impfung gibt. Meine Freundin aus den Nubabergen hatte in dieser Saison schon drei Schübe. Offensichtlich sind die Malaria-Erreger gegen ein weiteres Medikament zur Behandlung der Krankheit resistent geworden. Ich mache mir große Sorgen um meine langjährige Freundin. Sie leidet auch an Diabetes; die COVID – 19 Fallzahlen im Sudan steigen, immer wieder fliehen Menschen aus der Quarantäne.

Frauenorganisation Kadugli, Nubaberge 2020
Foto: SIEBEN: regional

In den Nachrichten höre ich, dass in Nordrhein – Westfalen die 450 Bewohner*innen eines Hochhauses nun erst einmal unter Quarantäne gestellt werden müssen, weil ein einzelner infizierter Mieter die seine nicht ausgehalten hat. 

Nachmittags unternehmen wir einen kleinen Fahrradausflug mit Kuyo. Die Gesangsübungen, die dabei aus seinem  Comfort-Wagon-Anhänger schallen, nehmen glücklicherweise an Häufigkeit ab und werden jedes Mal leiser.

Freiwillig in die Singstube
Foto: SIEBEN: regional

Menschen und Hunde gewöhnen sich offensichtlich an Vieles, was zuerst so ganz und gar schwierig scheint.

Das Phantom der Oper ist ein französischer Roman aus dem Jahr 1909





Ich bin ein Elefant, Madame

26. April

Menschen wie Tiere scheinen manchmal an Größenwahn zu leiden. Nein, keine Angst, ich schreibe nichts über bestimmte Männer in bestimmten Führungspositionen und ihre abstrusen Ideen.

Foto: SIEBEN: regional

Kuyo gehört eindeutig zu denen, die ihre eigentliche Größe derzeit noch massiv überschätzen. Auf einen 1 ½ Meter dicken Baumstamm klettern? Das müsste doch zu schaffen sein, auch wenn man selbst erst um die 38 cm Schulterhöhe misst. Und obwohl er nie einen Zirkus besucht hat, und solche Übungen ohnehin heutzutage verboten sind: wie früher Zirkuselefanten auf einen kleinen Hocker, setzt er sich auf jeden Baumstumpf in Pose. Sollte der morsch unter ihm zusammenbrechen, ist das ein willkommener Grund, gleich stolz auf dem nächsten zu posieren. Derzeit wird viel abgeholzt- dementsprechend zieht sich unser Gang in die Länge…

Foto: SIEBEN: regional

Unser erster Hund Akim gehörte zur Gruppe der Blender. Groß und schwarz wie er war, hätte sich so schnell kein Einbrecher in unser Haus gewagt. Nur wir wussten, wie es tief in seiner Seele aussah. Wenn wir ihn einmal abends allein zu Hause lassen mussten, machten wir bei Rückkehr unten im Flur gleich das Licht an, riefen seinen Namen und er kam freudig die Treppe herunter. 

Eines Abends dachte ich mir: „Mal sehen, wie es wirklich um seinem Mut bestellt ist!“. Ich öffnete die Haustür, machte aber nicht wie üblich das Licht an. Als ich seine zögernden Schritte auf der Treppe hörte, brummte ich leise und mit tiefer Stimme „Bu-hu“. 

Mein großer Held hielt kurz inne, und nach ganz wenigen Sekunden hörte ich ihn – triptrapp – die Treppe leise wieder hoch laufen.

Frauen, Heldinnen der sudanesischen Revolution
Foto: SIEBEN: regional

Unsere Zeit bringt ganz großartige alte und neue Helden und Heldinnen ans Licht – aber auch viele, die vorgeben, es zu sein. Aus meiner Friedensarbeit kenne ich folgendes Phänomen: Wir warnen frühzeitig vor einem sich anbahnenden Konflikt, der unter Umständen viele Menschenopfer fordern wird. Mit sehr viel Glück und wenn es politisch grade passt, handeln dann im Vorfeld einige Verantwortliche rechtzeitig, die größte Katastrophe kann verhindert werden. 

Ausgezeichnet für ihren Einsatz für die friedliche Revolution
hier: Sudantagung 2013, Hermannsburg
Foto: SIEBEN: regional

Wenn wir dann aber das nächste Mal vor etwas warnen, sagen Viele: „Was wollt Ihr denn mit euren ewigen Warnungen! Beim letzten Mal ist es doch auch nicht so schlimm gekommen wie Ihr uns weismachen wolltet!“ 

Und niemand handelt verantwortlich und rechtzeitig,  und es wird ganz schlimm.

Warum nur fällt mir das grade jetzt ein?

Ich bin ein Elefant, Madame ist ein deutscher Film aus dem Jahr 1969

Vor-Corona:  Hundelose Such-Zeit
September – Dezember 2019
Corona und Welpe im “Anmarsch”
Weihnachten 2019 – 20.März 2020
Coronatage mit Kuyo
21. März bis 26. April
Coronatage mit Kuyo im Mai
28. April bis 24. Mai

Coronatage mit Kuyo im Juni
8.Juni bis … solange es eben währt

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