Foto: Ulrich Brinkmann

Folge 3: Stadt im Wandel – Am Klinsberg

1.12.2020 (sr) Seniorenwerkstatt baut für die Allgemeinheit

Der Straßenname Am Klinsberg lässt sich ableiten von Klinse oder Klint, das so viel wie Kluft oder steiler Abhang bedeutet. Der Klinsberg ist die höchste Erhebung der Altstadt und die Straße fällt steil zur Leinstraße ab. Wer von der Seminarstraße aus den Klinsberg hinuntergeht, dem fällt auf der linken Seite der Wappenbaum auf. Früher stand auf diesem Platz das Pfarrwitwenhaus. 2006 begann Wilhelm Bock von der Seniorenwerkstatt gemeinsam mit der Stadt Alfeld die Wappenbaum-Planungen. Mit Unterstützung der Jugendwerkstatt setzten er und seine Mitstreiter das Projekt um. 2008, zum 750-jährigen Bestehen der Stadt Alfeld, wurde der Wappenbaum dann offiziell vorgestellt. „Ich freue mich über den Standort ganz besonders, weil ich hier aufgewachsen bin. Mein Vater hatte im Haus Nr. 1 (heute Anna’s alte Liebe) eine Schuhmacherwerkstatt, die ich dann bis Mitte der 1950er Jahre weitergeführt habe“, erklärt Wilhelm Bock. „Ich erinnere mich noch gut daran, dass in fast allen Häusern einem Handwerk nachgegangen wurde. Neben uns waren beispielsweise ein Malergeschäft und die Tischlerei Kahle (später dann Kahle Bestattungen).“ 

Glänzende Ortswappen für Warzen und Freden: Wilhelm Bock (von links), Lothar Bauschke und Eckhard Meltzer arbeiten in der Seniorenwerkstatt am Finkenweg zum Wohl der Allgemeinheit. Foto: Susanne Röthig

Die Seniorenwerkstatt wurde 1995 ins Leben gerufen und ist eine Gruppe des Alfelder Seniorenbüros, das unter der Trägerschaft des DRK-Kreisverbandes Alfeld steht. Die Aktiven im Alter von 60 bis 90 Jahren der Seniorenwerkstatt treffen sich zurzeit montags und dienstags von 9 bis 12 Uhr in Kleingruppen im Gebäude des DRK-Kreisverbandes an der Winzenburger Straße, Eingang Finkenstraße. Ob Ortswappen, Storchennest, Schutzhütten oder der Alfelder Wappenbaum, die meisten ihrer gefertigten Produkte kommen der Allgemeinheit zugute. Aber auch kleinere Werkstücke wie zum Beispiel Nistkästen oder Insektenhotels gehören zum Angebot. Wer Interesse an einer Mitarbeit oder an den Werkstücken hat, kann sich bei Wilhelm Bock unter der Telefonnummer 05181/3476 melden. „Im Moment fertigen wir eine Bank aus alten Fachwerkbalken für das DRK-Pflegeheim in Banteln“, erzählt Wilhelm Bock begeistert. „Ich bin froh, dass ich hier immer noch mitarbeiten kann“, freut sich der 90-Jährige. 

Der Wappenbaum ziert den Platz, an dem das ehemalige Pfarrwitwenhaus stand. 
Foto: Susanne Röthig

Heißmangel und Wäscherei Pralle

Auf der anderen Straßenseite, Am Klinsberg 9, sorgt Beatrix Pralle-Saadi für glatte und faltenfreie Tisch- und Bettwäsche. „Den Familienbetrieb gibt es schon seit den 1960er Jahren. 

„Zuerst stand meine Mutter Hanni Pralle an der vom Senkingwerk Hildesheim gefertigten Heißmangel, die die größte im ganzen Umkreis ist“, erzählt Beatrix Pralle-Saadi. „Früher gab es viel mehr Baumwoll- oder Leinenstoffe, die in der Mangel natürlich durch die Hitze und Feuchtigkeit optimal geglättet werden konnten. Die heutigen pflegeleichten Materialien können problemlos zu Hause mit dem Bügeleisen bearbeitet werden. 

Aber besonders Restaurants und natürlich auch Privatkunden legen Wert auf ein gutes Aussehen der Tischwäsche und nutzen meine Dienste.“ Neben der Heißmangel sorgt Beatrix Pralle-Saadi auch für saubere Wäsche und nimmt ihren Kunden nach dem Waschen lästige Arbeiten, wie beispielsweise das Hemdenbügeln ab. 

„Es ist optimal, dass meine Kunden direkt vor der Tür halten können, um ihren Waschkorb abzustellen und wieder abzuholen. Für mich ist die Lage in der Stadt bestens geeignet“, sagt sie.

 

Auf die Heißmangel kann sich Beatrix Pralle-Saadi verlassen: Seit vielen Jahrzehnten verrichtet das vom Senkingwerk Hildesheim gefertigte Modell zuverlässig seinen Dienst. Foto: Susanne Röthig

Wer ist Anna?

„Ich vermute ein Schiff“, sagt Eberhard Schmidt auf die Frage wer denn Anna ist. Seit 1995 ist er Wirt der Traditionskneipe „Anna‘s alte Liebe“. „Vor 34 Jahren hat mein Vorvorgänger hier mit einer Weinstube im historischen Gewölbekeller begonnen, seine Nachfolgerin gab dem Lokal dann den bis heute gültigen Namen“, erzählt „Ebi“ Schmidt. „Früher hing ein großes Bild mit einer sehr streng schauenden Dame an einer der Wände, die haben wir dann Anna genannt.“ Neben den gängigen Getränken und Cocktails verwöhnt der ehemalige Betriebsleiter des Busunternehmens Weihrauch seine Gäste auch kulinarisch. „Vorwiegend deutsche Küche, aber auch mal Tapas oder Muscheln serviere ich meinen Kunden“, erzählt der 67-Jährige, der im Obergeschoss wohnt. „Durch die guten Parkmöglichkeiten finden besonders im Sommer viele Motorrad- und Fahrradfahrer den Weg zum Biergarten“, berichtet er. „Durch den neu angelegten kleinen Spielplatz für Kinder wissen junge Familien den Aufenthalt hier sehr zu schätzen. Außerdem gibt es regelmäßig Live-Musik zu hören.“ 

Normalerweise hat das Lokal Platz für rund 100 Menschen, aber was ist 2020 schon normal. „Ich lebe allein und mir fehlen meine Gäste nicht nur aus finanziellen Gründen, sondern ich vermisse die Gespräche mit ihnen“, kommentiert er den aktuellen Lockdown. 

Kontakt hält er über den Außer-Haus-Verkauf, den er freitags anbietet. „Meine Kunden bestellen unter der Telefonnummer 05181/25064 vor.“ Jahreszeitlich bedingt stehen deftige Gerichte wie beispielsweise Grünkohl oder Gänsekeule mit Rotkohl auf der Speisekarte. 

Dass Eberhard Schmidt nicht einfach nur ein Wirt ist, merkt man im Gespräch sehr schnell. Er kennt seine Kunden und ist aufrichtig interessiert an ihren Geschichten. „Berührt hat mich, als ältere Gäste hereinkamen, sie sich nach den Örtlichkeiten erkundigten und mir dann berichteten, dass sie nach dem Krieg als Vertriebene in den hinteren Schuppen des Gebäudes untergekommen waren.“  

„In den 25 Jahren sind hier so viele Dinge passiert, dass ich ein Buch schreiben könnte“, erzählt der gebürtige Hohenbüchener. „Und wenn ich einige Probeexemplare an ausgewählte Gäste verschicken würde, bin ich mir sicher, dass ich mehr verdienen würde, wenn ich das Werk nicht veröffentliche“, ergänzt er lachend.   

Eberhard Schmidt hofft, dass die Corona-Krise bald vorbei ist und versucht, das Beste aus der Situation 
zu machen. Mit einem Außer-Haus-Service hält er den Kontakt zu seinen Kunden. Foto: Susanne Röthig

Informationen vom Koordinator der Stadtführer Ulrich Brinkmann:
Hier am Klint, dem steilen Abhang, stand ursprünglich der Burgmannshof derer von Steinberg. Zu dem einstigen Freihof gehörten auch Mauern mit Wehrgängen und Wehrtürmen. Ein unterirdischer Gang soll bis zur Steinbergschen Kapelle an der St. Nicolai-Kirche geführt haben. Die Witwe Sabina Amalia von Adelepsen baute sich 1699 als Witwensitz das Wohnhaus, das erst vor Kurzem saniert wurde. Die Adelige war die Ehefrau von Georg Friedrich II. von Steinberg, mit dem sie 28 Jahre eine „höchst vergnügliche Ehe“ führte und 13 Kinder bekam.

Ein Beispiel für eine Verbindung zwischen Denkmalschutz und modernem Wohnen in der Stadt. 1699 erbaut und vor Kurzem saniert. Foto: Ulrich Brinkmann

Am Klinsberg Nr. 8: An der Ecke Am Klinsberg / Seminarstraße stand das evangelische Pfarrwitwenhaus, das 1965 abgerissen wurde. Foto: alt-alfeld

Wie sehen Sie die Zukunft der Straßen Am Klinsberg, Winde und Unter der Kirche? SIEBEN: regional hat bei Mario Stellmacher, Baudezernent der Stadt Alfeld, nachgefragt.
„Langfristig sehe ich die Leinstraße, die Sedanstraße, die Kurze Straße und die Marktstraße als Haupteinkaufsstraßen. Für alle anderen Straßen sind neben den Geschäften Wohnkonzepte gefragt, die den heutigen Ansprüchen der Mieter und Eigentümer entsprechen. Modellhaft ist angedacht, das Objekt Winde 3 (ehemals Glas-Herwig) umzubauen, um zu zeigen, dass aus ehemaligen Geschäften auch wieder Wohnungen werden können, die unter anderem mit Freisitzen zur Südseite punkten.  Während fast alle Häuser am Klinsberg und mehrere der Winde unter Denkmalschutz stehen, sind es unter der Kirche nur die beiden Eckgebäude, sodass sich hier für Investoren viel Gestaltungsfreiraum bietet. Am Beispiel des Hauses Nr. 6 am Klinsberg ist allerdings sehr schön zu sehen, dass es möglich ist, Denkmalschutz und modernes Wohnen zu kombinieren. Die Anbauten ordnen sich dem historischen Gebäude unter. Wir sind als Stadt sehr froh, dass das Fachwerkhaus vor dem Verfall gerettet wurde und der Eigentümer die Vorgaben akribisch umgesetzt hat.“

Inschrift über der Haustür des einstigen Freihofs. Foto: Ulrich Brinkmann

Zeen is a next generation WordPress theme. It’s powerful, beautifully designed and comes with everything you need.

Weitere Beiträge
Sonderausstellung „CutADORE“ –Mosaike aus dem Überfluss