Foto: Zeitgut Verlag

Weihnachtsgeschichte: Giselas größter Wunsch

Hier gibt es was zu gewinnen!

Wer sich in frühere Weihnachtszeiten zurückversetzen lassen möchte, findet in der Themenreihe „Unvergessene Weihnachten“ viele Eindrücke und Erinnerungen von Zeitzeugen.
Die SIEBEN: verlost zwei Exemplare.
Bitte eine Postkarte mit Namen, Telefonnummer und Stichwort „Unvergessen” versehen und unserer Redaktion bis zum 17. Dezember 2020 zusenden.
Unter allen ­Einsendungen ­entscheidet das Los.
Viel Glück! Ihre SIEBEN: regional

In den Nachkriegsjahren ging es vielen Familien sehr schlecht. Man war froh, wenn alle einigermaßen satt wurden und die Küche im Winter warm war, so dass keiner frieren musste. Es fehlte für die kalte Jahreszeit oft an passender Kleidung, festem Schuhwerk und vielem mehr. Die Kinder besaßen kaum Spielzeug. Besonders hart betroffen waren die Flüchtlings- und Vertriebenenfamilien aus den ehemaligen Ostgebieten. 

Es herrschte Wohnungsnot, in jeder Stube lebte damals eine Familie mit mehreren Kindern, oft auch noch mit Oma oder Opa. Meine Schwester und ich haben uns später oft gefragt, wie die alle Platz zum Schlafen gefunden haben. Von einer Familie weiß ich, dass immer zwei Kinder in einem Bett schlafen mussten. Gisela war ein Mädchen aus unserer Nachbarschaft, einige Jahre älter als ich. Unser Dorf war so klein, da kannte jeder jeden. In den Nachkriegsjahren zählte Altenrode etwa 250 Seelen. Giselas Familie stammte aus Oberschlesien und war erst vor zwei Jahren nach Altenrode, einem kleinen Dorf am Rande des Nordharzes, gekommen. Glücklicherweise hatten sie Verwandte im Dorf und waren somit nicht ganz allein. 

Als der Winter kam und Schnee fiel, waren alle Kinder auf der Rodelbahn an der „Reihe“, einer kleinen, alten Reihenhaussiedlung, und fuhren Schlitten. Die etwa achtjährige Gisela wollte auch gern den Abhang hinunterrodeln, aber sie besaß keinen Schlitten. Manchmal nahmen sie andere Kinder mit; aber meistens war kein Platz, weil die Geschwister schon zu zweit oder dritt fuhren oder sich abwechselten. 

Gisela bat ihre Eltern jeden Tag, aber die hatten kein Geld, um einen Rodelschlitten kaufen zu können; es gab in jenen Tagen wichtigere Anschaffungen zu tätigen. Aber Gisela hatte Glück, einige Tage später trieb ihr Vater im Nachbarort einen Schlitten auf, den er für einen Sack Kartoffeln eintauschte, was ihm nicht leicht fiel. Der Rodel war zwar ziemlich alt, aber Gisela freute sich wie eine Schneekönigin. Endlich konnte sie mit den anderen Kindern und ihrer Freundin Irmchen Schlitten fahren. Zuerst wagte sie sich nur die halbe Bahn hinauf, um hinabzufahren. Alles ging gut. So wurde sie mutiger und stieg höher bergauf bis dorthin, wo auch die anderen abfuhren. Sie war sehr stolz und liebte ihren Schlitten. Sie war mit ihrer Freundin Irmchen den Berg ganz weit hinaufgeklettert, bis ins Wäldchen, und von dort oben wollten sie nun heruntersausen. Irmchen fuhr als Erste los, wenig später startete auch Gisela. Sie stieß sich ab und los ging es, zwischen den verschneiten Baumstämmen hindurch und dann auf die Rodelbahn, den Abhang hinunter. Sie bemerkte nicht, dass ihr Schlitten immer mehr aus der Spur kam und aus der Bahn geriet. Sie kam zwar noch heil unten an, hatte aber so viel Tempo drauf, dass sie weder lenken noch bremsen konnte und mit voller Wucht auf die Hausecke der „Reihe“ prallte. Es gab einen dumpfen Laut, und Gisela landete unsanft im Schnee, verlor ihre Mütze und einen Handschuh. 

Wir Kinder liefen zusammen, denn der Sturz hatte schlimm ausgesehen. Da rappelte sich Gisela auf. Sie hatte eine Schramme an der Stirn – und erfasste jetzt erst die ganze Tragik des Unfalls: Da lag nicht ihr Schlitten, es lagen nur noch ein paar Leisten und Holzstücke im Schnee verstreut! Ihr Schlitten war kaputt, total zerbrochen! Da kullerten dann doch die Tränen. „Mein schöner Schlitten“, schluchzte Gisela hemmungslos. Irmchen half ihr, alle Teile aufzusammeln und begleitete die Freundin nach Hause. Dort wurde Gisela getröstet, ihre Mutter war froh, dass sich ihre Tochter nichts gebrochen hatte. Aber Giselas Vater schüttelte den Kopf, als sie ihn fragte, ob er den Schlitten wieder zusammenbauen könne. Gisela war sehr traurig. 

Zwei Wochen später war Heiligabend, und Gisela fand unter dem Tannenbaum einen nagelneuen Rodelschlitten als Geschenk! Den hatte ihr Vater vom Stellmacher im Ort anfertigen lassen, weil er genau wusste, dass dies der größte Wunsch seines Kindes war. Gisela blieb eine wilde, furchtlose Rodlerin, die manchmal nicht richtig lenken oder rechtzeitig bremsen konnte. Sie benötigte deshalb in den kommenden Wintern noch mehrmals neue Schlitten.

Von Erika Arnholdt

Leseprobe:
„Unvergessene Weihnachten“ Band 10
Zeitgut Verlag, www.zeitgut.com

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