Foto: Andreas Tasche Weihnachten 1964

Weihnachtsgeschichte: Die Märklin-Eisenbahn und das Paradies

Hier gibt es was zu gewinnen!

Wer sich in frühere Weihnachtszeiten zurückversetzen lassen möchte, findet in der Themenreihe „Unvergessene Weihnachten“ viele Eindrücke und Erinnerungen von Zeitzeugen.
Die SIEBEN: verlost zwei Exemplare.
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Unter allen ­Einsendungen ­entscheidet das Los.
Viel Glück! Ihre SIEBEN: regional

1.12.2020

Eine Märklin-Eisenbahn, das war nicht nur ein Kindertraum im vormaligen Westen. Auch im Osten schwärmten tausende Kinder davon, eine eigene Märklin-Anlage zu besitzen. Auch ich als DDR-Kind war bereits mit fünf Jahren vernarrt in die äußere Schönheit wie in die zuverlässige Technik der Modellbahnen von Märklin. Märklin, das war für mich der Inbegriff des vermeintlich goldenen Westens. 

Meine Familie – der Vater, die Mutter, zwei Söhne, eine Tochter – wohnte damals in Görlitz, im fernöstlichen Zipfel der Deutschen Demokratischen Republik. Vom Bruder meiner Mutter bekam ich ein paar Märklin- Schienen – Vorkriegsware mit durchgehendem Mittelleiter –, eine kleine Lokomotive, zwei Personenwagen, ein Signal und einen Trafo. Westverwandtschaft hatten wir so gut wie keine. Aber ein lieber Patenonkel in West-Berlin sorgte dafür, dass aus dem schlichten Kreis mit Abstellgleis ganz allmählich – immer zu Weihnachten und zum Geburtstag – eine bescheidene Anlage wurde. 

Hatte meine Mutter die „Landschaft“ zunächst mit grünem Pinsel auf braunes Packpapier gemalt und bestanden die Häuser zunächst aus den Holzbausteinen des kleinen Bruders, so konnte ich später einiges Zubehör im passenden Maßstab 1:87 auch in der DDR erwerben. Aber natürlich waren meine Wünsche immer viel größer als der Geldbeutel der Eltern – nur der Vater arbeitete, und der verdiente bei der Kirche extrem schlecht – und auch viel größer als die Spendenwilligkeit des Patenonkels. Und außerdem herrschte in unserer Görlitzer Altbauwohnung extreme Enge: 

Für uns fünf Personen standen nur 60 Quadratmeter zur Verfügung. Aus all diesen Gründen musste ich mich wohl oder übel damit abfinden, dass die Anlage bis zuletzt ziemlich klein blieb (die größte Platte maß 180 cm x 95 cm) und dass sie immer nur von Heiligabend bis Dreikönige aufgebaut war. Mit ihr war nämlich das häusliche Sofa überbaut, das eigentlich von der Familie dringend gebraucht wurde. Nach Dreikönige verschwand die Märklin- Herrlichkeit zu meinem Bedauern wieder in vielen kleinen Kartons und landete samt sorgsam verpackter Platte für fast 50 Wochen auf dem Boden. Natürlich bastelten, sangen, spielten und musizierten wir zu Weihnachten mehr als zu jeder anderen Jahreszeit. Aber die Modelleisenbahn setzte der Weihnachtszeit jedesmal die Krone auf. Nun aber zum Eigentlichen meiner Geschichte. 

Als getauftes Kind eines Diakons und einer christlichen Kindergärtnerin interessierte ich mich natürlich nicht nur für elektrische Eisenbahnen, sondern auch für „höhere“ Dinge. Beim Lesen biblischer Geschichten und beim Nachdenken über Glaubensthemen in der Jungschar tauchte bei mir mit etwa sieben Jahren die Frage auf, die wohl jeder Christ sich irgendwann einmal stellt, die Frage nämlich: Wie wird es bei Gott im Paradies sein? 

Meine Mutter – bald darf sie das 86. Lebensjahr vollenden! – überlegte eine Weile und antwortete dann mit einem gewagten Vergleich, der dem fragenden Kind die Augen für das Paradies öffnete und den der gnädige Gott ihr sicherlich verzeihen wird. Seit diesem Moment, in dem meine Mutter zu sprechen anhub, freue ich mich unbändig auf das Paradies und die ungetrübte Gemeinschaft mit Gott. Ja wirklich, die Freude von damals hält bis in mein derzeitiges 58. Lebensjahr an. Ich weiß und glaube felsenfest, dass Gott für mich im Paradies Wunderbares bereithalten wird. 

Meine Mutter erzählte damals wie folgt: „Weißt du, mein Junge, das Paradies, das ist die ewige Glückseligkeit. Da wird es nicht den geringsten Kummer, nicht das geringste Leid mehr geben. Da wird Gott ganz spürbar für dich da sein. Da werden bei dir keine Wünsche mehr offenbleiben. Da wird Gott dich zu einem langen Schuppen mit vielen Türen und dahinter mit vielen Kammern führen. Und in jeder Kammer steht eine große Märklin-Eisenbahn-Anlage. Eine herrlicher als die andere. Und dann wird Gott zu dir sagen: ,Such dir eine aus. Was du auswählst, gehört dir. Du kannst damit spielen, nicht nur von Weihnachten bis Dreikönige, sondern so lange du willst, eine ganze Ewigkeit lang.“ Ich bin ja so gespannt auf das Paradies … Vielleicht lässt Gott mich wenigstens fünf Minuten spielen …

Von Andreas Tasche

Leseprobe:
„Unvergessene Weihnachten“ Band 10
Zeitgut Verlag, www.zeitgut.com

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