Foto: Heiko Stumpe

„Niemand soll mir mehr erzählen, dass das Alfelder Krankenhaus nicht notwendig ist.“

(28.03.2020 / sr)
Die SIEBEN hat bei Alfelds Bürgermeister Bernd Beushausen zur aktuellen Lage der Coronavirus-Krise telefonisch nachgefragt.

SIEBEN: Wie gehen Sie mit der aktuellen Situation um und worauf führen Sie die noch relativ wenigen bestätigten Corona-Erkrankten im Stadtgebiet zurück? 

BB: Wir sehen uns hier gut vorbereitet, haben schnell einen großen Krisenstab gebildet, der sich aus Vertretern des Schulamtes, für die Kinderbetreuung zuständigen Mitarbeitern, den Dezernenten, Mitarbeitern des Ordnungsamtes, der Feuerwehr und der Kirche zusammensetzt. Bei Bedarf beraten wir im großen Rahmen über weitere Maßnahmen, die beispielsweise von Regierungsseite oder dem Robert-Koch-Institut empfohlen beziehungsweise angeordnet werden. In kleinerer Runde reflektieren wir alle zwei Tage die aktuelle Lage. Alfelds Bürger verhalten sich sehr diszipliniert und halten sich zum größten Teil an die Kontaktsperre. Die bisher wenigen nachgewiesen Erkrankten haben offensichtlich durch eingehaltene Hygiene- und Quarantänemaßnahmen dafür gesorgt, dass sich das Corona-Virus bisher nicht schneller ausbreiten konnte. Es hat sich gezeigt, dass diese Maßnahmen wichtig sind und die Zusammenarbeit hier in Alfeld gut funktioniert. Besonders hervorheben möchte ich, dass das AMEOS Klinikum in kürzester Zeit ein Testzentrum eingerichtet hat und es so frühzeitig möglich war, Verdachtsfälle zu überprüfen. 

SIEBEN: Sehen Sie die Engpässe bei der Beschaffung von Schutzkleidung bereits als problematisch an? 

BB: Als Stadt haben wir rechtzeitig unsere Feuerwehren gut ausstatten können, damit die Kameradinnen und Kameraden bei Einsätzen entsprechend geschützt sind. Ich weiß natürlich, dass die Versorgungslage in Alten- und Pflegeheimen und auch bei ambulanten Pflegediensten in vielen Fällen sehr dünn ist. Zusätzlich kommen nochmals verschärfte hygienerechtliche Rahmenbedingungen. Schwarze Schafe treiben am ohnehin schon leergefegten Markt die Preise hoch. Das Alfelder Krankenhaus ist nach meinem Wissen gut ausgestattet, hier kommt es bisher noch zu keinen Engpässen. Wir sind aber auch noch lange nicht am Ende der Fahnenstange. Ich rechne in der nächsten Zeit mit weiteren Infizierten, dann steigt natürlich auch die Wahrscheinlichkeit, dass diese Patienten intensivmedizinisch behandelt werden müssen und somit der Bedarf an Schutzbekleidung. Das Selbstnähen von Gesichtsmasken ist sicher kreativ und für die private Nutzung kann das hilfreich sein, aber besonders in den genannten Einrichtungen sind natürlich Schutzmasken nötig, die auch den Hygieneanforderungen entsprechen.

SIEBEN: Welche Fragen beschäftigen die Bürgerinnen und Bürger?

Foto: Heiko Stumpe

BB:  Gewerbetreibende fürchten um ihre Existenz, Privatleute um ihre Arbeitsplätze. Der Industrieverein Alfeld und das Forum Alfeld Aktiv versorgen Betriebe mit Informationen zu Fördermöglichkeiten und sind als Ansprechpartner da. Ich selbst stehe auch bei betrieblichen Belangen, die offensichtlich Aufklärungsarbeit erfordern, zur Verfügung. Alle beschäftigen natürlich Fragen rund um das Corona-Virus. Im Internet hat das Thema viele Stilblüten getrieben. Ich rate jedem, sich seriöser Informationsquellen wie beispielsweise die des Robert-Koch-Institutes oder der Bundesregierung zu bedienen. Weitere Fragen werden oft zum Thema Kinderbetreuung und den Kosten gestellt. Dabei ist hinsichtlich der Krippengebühren das Ziel, diese ab 1. April nicht zu erheben, obwohl die Stadt rechtlich dazu verpflichtet ist, diese trotz geschlossener Krippe aufgrund der Vorhaltekosten in Rechnung zu stellen. Davon wollen Politik und Verwaltung kreisweit Abstand nehmen. Auch über die Frage, ob ein Verzicht auf die Kosten für die Notbetreuung, die ja von in systemrelevanten Bereichen tätigen Eltern in Anspruch genommen wird, angebracht wäre, will der Verwaltungsausschuss während der nächsten Sitzung sprechen.        

SIEBEN: Gibt es Menschen, denen Sie in dieser Krise besonders dankbar sind?

BB:  Dem pflegenden und medizinischen Personal und allen im ständigen Kontakt mit Kunden stehenden Menschen, besonders den Heldinnen und Helden an der Supermarktkasse und allen Verkäuferinnen und Verkäufern in Lebensmittelgeschäften, Drogerien und Tankstellen. Für deren Einsatz kann man gar nicht genug klatschen. Es ist wichtig, dass wir ihnen Kraft schenken. Niemand soll mir mehr erzählen, dass das Alfelder Krankenhaus nicht notwendig ist. Nach der Krise müssen wir dafür kämpfen, dass wir den Menschen, auf die wir in dieser Notsituation angewiesen waren, auch mit einer anständigen Bezahlung gerecht werden.    

SIEBEN: Welche Maßnahmen haben Sie im Rathaus und im privaten Bereich zu Ihrem Schutz getroffen und wie schaffen Sie für sich eine Zeit ohne das Thema Corona?

BB: Auch im Rathaus halten wir selbstverständlich den gebotenen Abstand ein, Desinfektionsmöglichkeiten sind ausreichend vorhanden. Ich bin aufgrund meines Amtes ja weiterhin in der Gesellschaft unterwegs. Kontakte lassen sich daher nicht komplett verhindern, aber durch die Einhaltung der empfohlenen Hygiene- und Verhaltensmaßnahmen lässt sich das Risiko einer möglichen Infizierung deutlich reduzieren. Privat verhalte ich mich sehr, sehr zurückhaltend. Auch meine Mutter besuche ich fast nie, das Telefon ist unser derzeitiges Kontaktmedium. Da ich zurzeit jeden Tag viele Entscheidungen treffen muss, oft bis spät in den Abend hinein, nehme ich mir zwischendurch mal die Zeit, Fahrrad zu fahren, um danach wieder den Kopf freizuhaben.  

SIEBEN: Was möchten Sie den Alfelderinnen und Alfeldern mit auf den Weg durch die Krise geben?

BB: Bitte halten Sie genau die sicherlich für Sie persönlich einschneidenden Vorgaben während dieser Krise ein. Sie schützen damit sich selbst, aber insbesondere alle Einwohnerinnen und Einwohner unserer Stadt, die zu den Risikogruppen gehören. Seien Sie solidarisch. Als Stadtgesellschaft haben wir in der Hochwasserkatastrophe 2017 bewiesen, dass wir gemeinsam solche Herausforderungen in der Lage sind zu meistern. Daher werden wir auch diese Krise schultern, da bin ich mir mehr als sicher.

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