Foto: Marina Peter

Kuyo und seine Brüder

30.06.2021 (Marina Peter)

Oft gefragt: Wie geht‘s eigentlich dem „Corona-Welpen“?

Ich sag‘s am besten gleich: Mein Mann und ich  sind aus ganz eigenen Gründen sehr dafür, dass es keine weiteren Corona-Lockdowns gibt. Ja, natürlich auch, um Todesopfer und Menschen mit Langzeitfolgen zu vermeiden, wegen der Wirtschaft, zur Entlastung des Gesundheitssystems, angesichts der Folgen für Künstler,  Kinder und Jugendliche, meinetwegen sogar, damit die Tourismusbranche wieder boomt. Aber bei uns kommt noch ein Grund hinzu:
Bei weiteren Wellen und Lockdowns könnte es schnell passieren, dass Haus und Garten zu klein für unsere wachsende Gemeinschaft werden.

Unendlich lange scheint er schon her,  der Beginn der ersten Welle im  Frühjahr letzten Jahres, der nahezu zeitgleich auf den Einzug unseres neuen Retriever-Welpen fiel. Natürlich musste dann mein Blog „Corona mit Welpen“ heißen, und unser Kuyo wurde mehr oder weniger liebevoll zunehmend nur noch „der Coronawelpe“ genannt. Was haben wir für Ängste gehabt, grade in der Anfangszeit, um ihn, um uns, um uns alle. Wie privilegiert fühlten wir uns damals, mit ihm, mit Haus und Garten – und fühlen wir uns immer noch, und immer mehr. Denn der Corona-Welpe ist mittlerweile nicht nur zu einem sehr stattlichen wunderbaren Junghund herangewachsen – nein, er hat auch gelernt, uns mit zwei kleinen „Brüdern“ zu teilen. 

Aus dem Welpen ist ein stattlicher Junghund geworden.
Foto: Marina Peter
Foto: Marina Peter

Wie es dazu kam? Im Oktober war unser Leben etwas aus den Fugen geraten. Der kleine Kuyo hatte seit längerem Probleme mit der Schulter, und musste mit all seiner Lebendigkeit und Lebensfreude im wahrsten Sinne an der kurzen Leine gehalten werden. Nach Rücksprache mit drei verschiedenen Tierärzten wussten wir: Es blieb kein anderer Weg als eine Operation, dann nochmals gefolgt von wochenlanger Schonung.

Da passte es fast schon regelrecht gut, dass ich selbst eine  Woche nach ihm auch meinen seit Februar eingeklemmten Ischiasnerv befreien lassen musste – war es bei mir doch schlussendlich nicht mehr beim Humpeln geblieben. Grade so eben klappte die OP noch vor dem zweiten Lockdown, und dann mussten beide, Hund und Frau, sich schonen.

Und da wir nun schon einmal viel ans Haus gebunden waren,  fiel meinem Mann und mir ein, dass jetzt doch eigentlich der geeignete Zeitpunkt gekommen war, uns wieder eine Katze zuzulegen. Hatte doch ein junges Tier die erste Welle  für uns so erträglich gemacht- und musste eben dieses junge Tier in seiner Schonzeit doch etwas Neues kennenlernen. Warum dann also nicht das Zusammenleben mit einer „Schwester“, nach dem bewährten Muster aus früheren Zeiten, hatten wir uns gedacht. 

Aber, natürlich, wie heißt es doch so schön : Erstens kommt es anders, und zweitens, als mensch denkt! Durch Nachfragen in Tierheimen, beim Tierschutzverein und schließlich beim Katzenteam in Einbeck wirbelten mit dem zweiten Lockdown Lasse und Bosse in unser Leben, damals knapp vier Monate alt. 

Nie hatten wir zwei Kater gewollt, sondern immer eine Katze gesucht – aber diesen bezaubernden Brüdern verfielen wir beim ersten Sehen. 

Was für Energiebündel – über Tische, Sofas, fast die Wände hoch ging es, wenn Spiel der beiden angesagt war. Nur wenige Tage dauerte es, bis die drei Tiere sich daran gewöhnt hatten, dass ein anderes Lebewesen völlig anders aussehen kann, eine ganz neue Sprache spricht- und man trotzdem friedlich zusammenleben, gemeinsam Neues entdecken und  das ganze sogar Freude bereiten kann.

Nun waren wir also zu fünft – und hatten Spaß und ganz viel Abwechslung auch in der zweiten Welle – weil die Lebensfreude der Drei einfach ansteckend ist, und mensch sich ihrem Charme nicht entziehen kann, überhaupt nicht. Wenn der eine links, der andere rechts sitzt und der dritte an der Schulter schnurrt, ist die Welt für einen Moment vollständig in Ordnung. Kolleg*innen haben sich daran gewöhnt, dass manchmal merkwürdige Zeichenfolgen in meinen Texten auftauchen, wenn wieder einmal ein Kater über die Tastatur gelaufen ist. Sie kennen sie von den schier endlosen digitalen Konferenzen – und die Kater wissen nicht, dass dabei ganz oft auch über den neuen Krieg in Äthiopien gesprochen wird und schnurren einfach ins Mikro.

Viel arbeiten müssen wir an Kuyos Erziehung. Hemmungslos verwöhnt haben wir ihn trotz besseren Wissens und entgegen aller Hundetrainingsregeln während seiner Krankheit. Es hilft natürlich auch wenig, wenn wir ihm verbal versuchen klarzumachen, dass es einen Unterschied macht, ob ein Kater von zwei oder drei Kilo Gewicht oder ein Hund von mittlerweile  ca 30 kg sich auf dem Schoss  des Menschen oder mit ihm auf dem schmalen Sofa platzieren will – und deshalb der eine es darf, der andere aber nicht.

So liegen wir mit  Kuyo oft auf dem Fußboden, die Kater dabei oder in einem viel zu kleinen Karton, in unserem Lieblingssessel oder, noch viel besser und am Allerliebsten: auf Kuyos Hundeplätzen. Der lässt sich das ebenso gutmütig gefallen wie, dass sie ihm manchmal oben vom Tisch – auf dem sie eigentlich überhaupt nichts zu suchen haben –  ganz kurz mit der Pfote auf den Kopf klopfen.

Wenn wir vom Spaziergang zurückkommen, werden natürlich nicht zuerst wir Menschen begrüßt, sondern dem Hund streichen die Kater um die Beine und versuchen, ihm einen Nasenkuss zu geben. Sie lieben ihn, das ist offensichtlich- ob er sie genauso innig? Da sind wir uns nicht immer so sicher – aber die Reste in ihren Näpfen, das Hinterherrennen im Garten und manchmal sogar das Zusammenliegen ganz bestimmt!

Unsere Drei sind alle natürlich inzwischen geimpft; mein Mann und ich auch das erste Mal, wenn auch gegen etwas Anderes. Unsere fernen Nächsten noch lange nicht.

Bei meiner Arbeit haben  wir immer noch Reisestopp –  in den Ländern am Horn von Afrika, in denen ich normalerweise viel unterwegs bin, ist inzwischen die dritte Welle auch angekommen. Ich habe wie befürchtet afrikanische Freunde und Kolleginnen an die Pandemie verloren. 

Kuyo und seine beiden  kleinen Brüder helfen über Vieles hinweg. 

Selbstverständlich, man kann ohne Tiere leben – aber es macht einfach keinen Spaß. 

Und manchmal ist die Welt für einen Moment vollständig in Ordnung. 

Marina Peter lebt in Alfeld und in Berlin. Sie gilt als Expertin für das Horn von Afrika, insbesondere Sudan und Südsudan. Seit über 40 Jahren teilt sie ihr Leben mit ihrem Mann und mit Tieren.

Der Blog “Corona mit Welpen – ein Tagebuch” wurde von März bis Juni 2020 veröffentlicht. 

www.sieben-region.de/category/blog/

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