Grüne Knochenarbeit

Wrisbergholzen und sein Park

Wrisbergholzen ist ein bemerkenswerter, idyllisch gelegener Ort. Ganz zu Unrecht lassen ihn viele auf der Fahrt nach Hildesheim rechts liegen. Man sollte einmal abbiegen, aussteigen, sich umschauen - und auf einige Überraschungen gefasst sein. Im 11. Jahrhundert zum ersten Mal erwähnt, erlangte Wrisbergholzen Mitte des 18. Jahrhunderts durch seine Fayence-Manufaktur eine ungeheure wirtschaftliche Bedeutung. Das Schloss im Mittelpunkt des Dorfes legt noch heute beredtes Zeugnis vom damaligen Reichtum ab. Ebenso der sich an das Schloss anschließende, neun Hektar große Park. Wir besuchten zwei Männer, die sich seit Jahren um seine Erhaltung bemühen.

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Wir stehen vor einer grünen Wand. Bäume, Büsche, Sträucher, Gras, Wildkräuter, Moos - kein Zentimeter ist unbedeckt. „Ja, hier führte also mal ein Weg lang“, erfahre ich. Irritiert schaue ich auf das grüne Dickicht vor mir und drehe mich fragend um. „Das ist natürlich schon ein paar Jährchen her...“, lächelt einer der Herren, „mindestens 50 Jahre....“. Neben mir stehen zwei unauffällig aussehende, freundlich dreinblickende Männer. Mitte dreißig. Wenn man ihnen auf der Straße begegnete, würde man nicht eine Sekunde vermuten, es mit manischen Persönlichkeiten zu tun zu haben. Und natürlich sind sie es auch tatsächlich nicht. Aber so ganz sicher kann man sich auch nicht sein. Wahrscheinlich wird die Eine oder der Andere nach dem Lesen dieses Artikels zumindest für einen kurzen Moment denken: „Wahnsinn...“, oder „das sind ja wirklich `manische Gärtner´“. Und genauso geht es mir in dem Moment, als wir vor den zugewachsenen Wegen stehen.

Wie erwähnt – ich sehe nichts. Naja, fast nichts. Alles grün eben. Die beiden Herren scheinen mehr zu erkennen. Und das sollten sie auch. Volker Gehring und Jens Beck sind studierte Landschaftsarchitekten. Seit vielen Jahren beschäftigen sie sich in Theorie und Praxis mit historischen Gärten. 1993 begannen sie, sich im Rahmen eines studentischen Projektes des Universität Hannover, in enger Zusammenarbeit mit dem Verein zur Erhaltung von Baudenkmalen in Wrisbergholzen e.V., näher mit dem Park des Schlosses derer zu Wrisberg zu beschäftigen.

Was hatten sich die Erbauer bei der Anlage des Parks gedacht? Wie sollte er einmal aussehen? Dies waren zentrale Fragen für die jungen Studenten. In Ermangelung detaillierter Pläne versuchten sie, auf Grundlage des heutigen Bestandes zu rekonstruieren, wie der Park einmal vor 150 Jahren ausgesehen haben mochte. Kein leichtes Unterfangen, hatte doch die Betreuung der Anlage lange ausgesetzt. Mitte der 80er Jahre war z.B. die große Wiese das letzte Mal gemäht worden. Der Bestand an Bäumen und Büschen hatte seit 1945 keine nennenswerte Pflege mehr erfahren. Selbst der Aufwuchs der Bäume, also solcher Pflanzen, die sich selbst einsäten, ist 60-70 Jahre alt.

Eat No Fish 1995 war das studentische Projekt beendet, die Kategorisierung und Bestandsaufnahme war abgeschlossen. Volker und Jens zählten und erfassten allein 1275 Bäume ab 50 cm Stammumfang. 1996 legten sie ihre Ergebnisse als Studienarbeit an der Universität Hannover vor. Herausgekommen war ein Pflegekonzept, das zukünftig als Grundlage dienen sollte, um den weiteren Verfall der Anlage aufzuhalten, und die entstandenen Schäden zu beseitigen. Jens erklärt: „Im Gegensatz zu den Parkpflegewerken, die in Anlehnung an die von der Deutschen Gesellschaft für Gartenkunst und Landschaftskultur herausgegebenen Leitlinien entstanden sind, haben wir ein streng an der Bewahrung des vorgefundenen Bestands orientiertes Konservierungskonzept entwickelt. Wir fühlen uns denkmalpflegerischen Grundsätzen verpflichtet.

Daher haben wir als Grundlage für unser Pflegekonzept nicht ein auf historischem Quellenmaterial beruhendes Leitbild entwickelt, auf dessen Verwirklichung die Pflegemaßnahmen abzielen, sondern eine ausführliche Betrachtung und Analyse des vorhandenen Bestands durchgeführt mit dem Ziel, Schäden und die durch Vernachlässigung bewirkten Veränderungen zu erkennen.“ Und Volker ergänzt: „Im Falle der Gehölze haben wir beispielsweise versucht, die gepflanzten, in gestalterischer Absicht eingebrachten Bäume von jenen zu unterscheiden, die durch Eigenverbreitung aufgewachsen sind. Um die eindeutig gepflanzten Gehölze innerhalb des Bestands ausfindig zu machen, haben wir verschiedene Kriterien aufgestellt: bei einem Exoten ist am Standort keine Eigenverbreitung der Gattung erkennbar; ein gärtnerisch behandelter Baum ist einer mit Veredelungen, Schnitten etc.; ein alter Baum wurde vor der letzten Vernachlässigungsphase gepflanzt oder belassen. Bei Bäumen, deren Zuordnung nicht eindeutig möglich ist, haben wir meist gegen die Fällung entschieden, um nicht historische Substanz, die als solche nicht erkennbar ist, zu vernichten.“

Dem Baum- und Strauchbestand des seit 1984 unter Naturschutz stehenden Parks wurde und wird sich also ausgesprochen sensibel genähert. Wer an dieser Stelle nun glaubt, die Arbeit der beiden Landschaftsarchitekten beschränke sich auf Erfassung der Bäume und andere weniger Schweiß treibende Verrichtungen, liegt allerdings völlig falsch. Volker und Jens führen sämtliche Arbeiten selbst und von Hand aus. Nur selten erhalten sie Hilfe beim Fällen eines Baumes. Im Großen und Ganzen obliegt die gesamte Pflege des 90.000 m2 großen Areals ihrer Hände Arbeit. Das bedeutet Mühe und Schweiß, viel Schweiß. So mäht Volker seit fünf Jahren alle zwei Wochen die ein Hektar große Rasenfläche. Zudem bemühen sich die beiden, nach und nach die noch verwilderten Ecken des Parks in einen akzeptablen Zustand zu versetzen, alte Wege freizuschneiden, Bäume zu pflegen - Knochenarbeit. Zudem beschäftigen sie sich selbstverständlich auch weiterhin wissenschaftlich mit dem Gegenstand ihrer Leidenschaft und managen seinen Erhalt auch auf den Ebenen Landesdenkmalpflege und -naturschutz.

Eat No Fish Doch wofür? Warum? Volker: „Als das studentische Projekt beendet war, konnten wir nicht einfach aufhören. Längst hatten wir uns in diesen Park verliebt. Er ist von nationaler Bedeutung - und das nicht nur, weil der frühere Berliner Gartendirektor Gustav Meyer im Jahr 1864 Einfluss auf die Gestaltung genommen hat.“ Jens ergänzt: „Dieser Park ist wunderschön. Früher gab es hier einen Tempel, eine Rosenlaube am unteren Teich, einen Rundtempel am Ende des Parks, zwei chinesische Schirme, zwei Wasserfälle, zwei Grotten/Sitzplätze, Figuren und Standbilder. Auf den Teichen und den Burggräben fuhren bei Festen beleuchtete Gondeln.... Vieles ist im Laufe der Jahre verloren gegangen oder wurde zerstört. Es wäre doch bedauerlich, wenn auch der Rest verloren ginge.“

Steht man inmitten des riesigen Areals und vergleicht die von den beiden gepflegten Bereiche mit denen, wo es noch gilt, Hand anzulegen, kann man ungefähr ermessen, welche Leistung sie bereits vollbracht haben. Wohl gemerkt: ehrenamtliche Arbeit. So drängt sich die Frage auf, wie man helfen kann. Volker: „Wir nehmen jegliches Interesse an unserer Arbeit dankend entgegen. Wer uns helfen möchte, sollte über gärtnerische Vorkenntnisse verfügen. Es geht hier aber nicht um ein Schrebergartenidyll, wir legen keine Blümchenbeete an. Und: es gibt kein Geld, und Dank für die geleistete Arbeit darf man auch nicht erwarten. Nur den von Jens und mir.“ Sicherlich kann aber auch mit Geld oder Sachspenden eine Menge für den Erhalt des Parks in Wrisbergholzen getan werden.

Eat No Fish Die beiden Landschaftsarchitekten erfüllt die kontinuierliche Weiterentwicklung ihres Projektes mit einem Gefühl der Zufriedenheit. Sorge bereitet ihnen allerdings der Umstand, dass die Zukunft des Parks keineswegs gewiss ist. Was passiert, wenn Volker und Jens seine Pflege nicht weiterführen (können)? Trotz vieler Unsicherheiten gehen sie die Beschäftigung mit dieser bezaubernden Gartenanlage voller Optimismus und Überzeugung an. Aber: die Liste der noch zu erledigenden Dinge ist lang. Zur Zeit wird für 100.000 DM - Mittel aus der Denkmalpflege und von der Sparkassenstiftung - ein hölzerner Tempel restauriert. Schon wartet aber auch das Dach der Orangerie auf eine grundlegende Sanierung. Bei einer der vier jährlichen Führungen kann man sich - in der sonst nicht der Öffentlichkeit zugänglichen Anlage - über den Fortgang der Arbeiten informieren. Und vielleicht werden auch Sie während einer der hervorragenden Führungen, die von Jens und Volker geleitet werden, voller Bewunderung denken: „Verrückt, was die beiden hier geleistet haben“.....

(hgs)


Am Sonntag, dem 9. September ist der Tag des offenen Denkmals. An diesem Tag öffnet der Verein zur Erhaltung von Baudenkmalen in Wrisbergholzen e.V. die Türen der Fayence-Manufaktur und des berühmten Fliesenzimmers im Schloss Wrisbergholzen. Von 11.00 - 17.00 h werden stündliche Führungen durchgeführt. Jens und Volker bieten Rundgänge durch den Park an. Von ungeführten Spaziergängen bitten die Veranstalter abzusehen.

Informationen über den Verein zur Erhaltung von Baudenkmalen in Wrisbergholzen e.V. erhalten Sie beim 1. Vorsitzenden Wolfgang Ness
unter (0511) 558697 und unter www.alfeld.de/wrisbergholzen/index.htm