Foto: Susanne Röthig

Als die Stadt vor 175 Jahren ihr Gesicht veränderte

1846 vernichtete eine Feuersbrunst 104 Wohnhäuser

01.06.2021 (sr)

Es ist der 2. Juni 1846. Strahlend hat die Sonne den ganzen Tag vom Himmel geschienen, und jetzt, abends, 8 Uhr, ist es immer noch warm und so schön, dass sich noch viele Alfelder auf den Feldern und in den Gärten draußen vor den Toren aufhalten. Plötzlich ein Ruf: Feuer! Man sieht eine Qualmwolke aufsteigen, dort, wo der Rollberg (heute Marktstraße) in die Leinstraße mündet. Flammen sind zu sehen. Mit rasender Geschwindigkeit breiten sie sich aus. Das Feuerhorn tutet. Alle, die noch draußen sind, eilen nach Hause, wo in der Diele der Ledereimer hängt, den man braucht, um die Eimerkette von der Pferdeschwemme auf dem Markt zur Brandstelle zu bilden. Zu schnell frisst sich der Feuersturm jedoch weiter, ein Haus nach dem anderen wird sein Opfer. Weithin leuchtet die brennende Stadt in der dunklen Nacht. Am anderen Morgen liegen 104 Wohnhäuser im Schutt. Viel Vieh ist in den Flammen umgekommen, 700 Alfelder haben ihr Heim verloren und finden Unterkunft in den unversehrten Häusern oder in den benachbarten Dörfern. Geld- und Sachspenden sorgen dafür, dass keiner hungern muss. Bis zum Herbst 1846 waren 90 Häuser neu auf den alten Kellergewölben errichtet. So beschreibt der Seminarlehrer Wilhelm Heinze in seiner 1894 verfassten „Geschichte der Stadt Alfeld“ dieses schlimme Ereignis. Bis 1847 erfolgte der vollständige Wiederaufbau.

So könnte es ausgesehen haben, als die Stadtbewohner vor den Toren Alfeld das Feuer entdeckten.
Foto: alt-alfeld.de
Ein Andenken an den Standort der Feuerwehr an der Winde.
Foto: Susanne Röthig

Von der Eimerkette bis zur High-Tech Feuerwehr

Die Häuser der damaligen Zeit waren nicht auf Brandschutz ausgerichtet. Balkengerüste, Gefache, mit Weidengeflecht ausgefüllt, bildeten kein Hindernis für die Flammen, Brandschutzmauern zwischen den einzelnen Häusern gab es nicht. Außer Kontrolle geratene Herdfeuer oder Kerzenlicht reichten manchmal bereits aus, um eine Katastrophe auszulösen. Jeder war angehalten, einen Ledereimer zur Brandbekämpfung in seiner Diele gut sichtbar aufzuhängen. Dazu gab es Einreißhaken, Schaufeln und wenige Handspritzen. 1851 kommen die städtischen Spritzen in das Gerätehaus auf der Winde. Bis 1873 lag der Feuerschutz der Stadt in den Händen der Pflichtfeuerwehr, die größeren Bränden kaum gewachsen war. 1846 waren keine Toten zu beklagen, aber 1873 kam bei einem Brand in der Paulistraße eine dreiköpfige Familie ums Leben. Noch im selben Jahr traten 99 Männer der daraufhin gegründeten Freiwilligen Feuerwehr bei. In den kommenden Jahrzehnten rückten sie zu einer Vielzahl von Unglücken aus, um zu löschen, zu bergen und zu retten. Beispielsweise gab es im Jahr 1986 48 Brandeinsätze und 220 Hilfeleistungen. Auf der Winde zog 1940 das erste Löschfahrzeug ein, 1944 kam das erste Löschgruppenfahrzeug dazu. 1956 wurde das Feuerwehrhaus umgebaut. Ein Erweiterungsbau schloss sich 1961 bis 1963 an. 1984 bezog die Feuerwehr dann das neue Feuerwehrhaus am Standort Rektor-Falke-Straße und kann auf einen umfangreichen Fuhrpark zurückgreifen. (Quellen: „Lebendige Vergangenheit“ von Gerhard Kraus und „140 Jahre Freiwillige Feuerwehr Alfeld“ Herausgeber: alt-alfeld)  

Dienst zum Wohl der Bevölkerung: Löschen, bergen, retten, schützen

Mit der Feuerwehr von heute haben die Ledereimer wenig zu tun. „Stand damals die Brandbekämpfung im Vordergrund, sind es heute mehr und mehr die technischen Hilfeleistungen geworden“, sagt Alfelds Stadtbrandmeister Michael Buß. „Durch den vorbeugenden Brandschutz, zu dem unter anderem bauliche und organisatorische Maßnahmen von Betrieben und öffentlichen Einrichtungen (Löscheinrichtung, Rauchmelder, Flucht und Rettungswege) gehören, sind die schwerwiegenden Feuer zwar weniger geworden, die Ausbildung der Feuerwehrleute hat aber deutlich an Vielfalt zugenommen.“ Hilfeleistungen bei Verkehrsunfällen, Überschwemmungen, ausgetretenen Chemikalien sind nur einige Aufgaben, die zur Arbeit der Freiwilligen Feuerwehr gehören. Technisches Verständnis und eine Grundfitness sollten daher vorhanden sein. Eine weitere wichtige Aufgabe der Feuerwehr ist die Brandschutzerziehung. Diese soll eine Notfallkompetenz bereits ab dem Kindergartenalter vermitteln. Ausrüstung und Schutzkleidung sind nicht mehr mit damals zu vergleichen. Allein die Wartung, Pflege und Bedienung der technischen Geräte erfordert umfangreiche Fachkenntnisse. Beispielsweise sind durch Drohnen und Wärmebildkameras bessere Möglichkeiten der Branderkennung und -bekämpfung gegeben. Der Umgang mit diesen Geräten muss aber auch erlernt werden. Während der Ausbildung der Feuerwehrleute werden neben der technischen Ausbildung Kenntnisse zum Umgang mit Medien wie Facebook oder der Presse vermittelt, Deeskalationsmaßnahmen erläutert und auf die Schweigepflicht hingewiesen. „Um allen Vorschriften Genüge zu tun, sind circa 75 Prozent meiner Tätigkeit als Stadtbrandmeister administrativer Natur“, erläutert Michael Buß. „Ein weiterer Aspekt ist die Suche nach Nachwuchs. Um die Arbeit der Freiwilligen Feuerwehr aufrechtzuerhalten, ist es notwendig auf eine entsprechende Anzahl von Aktiven zurückgreifen zu können. Um bereits früh für die Feuerwehr zu begeistern, gibt es unsere Kinder- und Jugendfeuerwehren. Hier kommt besonders die Gemeinschaft nicht zu kurz und wir sehen diese Arbeit als einen Dienst an der Gesellschaft. Hier findet jede und jeder seinen Platz und wer, aus welchen Gründen auch immer, nicht am Strahlrohr stehen kann, findet vielleicht am Funkgerät oder bei der Gerätewartung seinen Platz.“

Die Chronik der Freiwilligen Feuerwehr Alfeld 1873–2013, erhältlich zum Preis von 4,90 Euro im alt-alfeld-shop

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